«Wer nimmt ihn denn
ab und zu in den Arm?»
Hat mein Kind mit Behinderung sexuelle Bedürfnisse? Wie kann es diese als junger Mann einst wahrnehmen? Und wer gibt ihm Nähe und Geborgenheit, wenn die Eltern nicht mehr da sind? Mutter Marianne Wüthrich hat sich für diese Kolumne intensiv mit diesen Fragen auseinandergesetzt.
Das Spannende an dieser Kolumne ist für mich, dass mir immer mal wieder Themen von der Redaktion gemailt werden, zu denen mir initial nichts in den Sinn kommt oder ich das Gefühl habe, da sei ich nun wirklich nicht die Richtige, um mich dazu zu äussern. Aber es gibt auch Themen, bei
denen ich erst denke, ich hätte nicht den leisesten Schimmer, was ich dazu schreiben könnte, und dann tun sich plötzlich doch ganz viele Gedanken und Fragen auf.
Mit dem Thema Sexualität und Behinderung ging es mir genauso. Erst dachte ich: dazu weiss ich nichts, gibt auch nichts zu sagen. Dann habe ich mir dazu ein paar Gedanken gemacht und festgestellt, dass ich da wohl etwas hinter der Entwicklung meines Grossen herhinke. Denn ja, Max ist jetzt eigentlich ein junger Mann. Er wurde letztes Jahr 18 und damit erwachsen. Im Alltag muss ich mich daran tatsächlich erst mal gewöhnen, mir klarmachen, dass er zwar immer mein Kind sein wird, aber sonst kein Kind mehr ist. Wäre Max ein neurotypischer, nichtbehinderter Mensch, würde bei uns wohl durchaus eine Freundin, ein Freund ein und aus gehen. Nun ist aber Max eben Max und damit ist das Thema irgendwie anders.
Bloss: wie? Gibt es Menschen mit Behinderung, die in einer Partnerschaft leben? Wie ist das, wenn diese Erwachsenen in Stiftungen arbeiten und wohnen? Haben sie überhaupt das Bedürfnis nach Sexualität? Da gibt es ja ganz viele verschiedene Komponenten. Und nach Nähe und Zärtlichkeit sehnen wir uns doch irgendwie alle mal mehr und mal weniger … Auch Max. Er ist kein grosser Kuschler, war er nie. Aber wenn er richtig Stress hat, kann es helfen, ihn einfach fest in den Arm zu nehmen. Nachts schläft er so unterschiedlich gut oder schlecht, dass er sich das Bett mit einem Elternteil teilt. Und dann drückt er sich manchmal ganz eng an einen ran oder will unbedingt einen Arm über sich gelegt haben. Er braucht also auch Nähe. Und ja, er wird in den nächsten Jahren lernen müssen, dass er eben kein kleines Kind mehr ist, dass er allein schlafen muss. Und das bricht mir ein kleines bisschen das Herz. Weil ich nicht weiss, wie ich ihm das erklären soll.
Was, wenn wir keine Nähe mehr geben können?
Max wird nicht allein wohnen können. Er wird also, wenn er in der Erwachsenenwelt angekommen ist, in eine Institution ziehen. Nur, wer kuschelt dann mit ihm? Wo kommt dann die Nähe her, die so menschlich ist? Von den Betreuenden darf sie nicht kommen, da besteht ein Abhängigkeitsverhältnis. Immer wieder gibt es Berichte über Missbrauch in Wohnheimen, welche mir jeweils schlaflose Nächte bereiten.

Es gibt zwischenzeitlich tatsächlich auch Paare, welche sich in solchen Lebensräumen kennen und lieben lernen und dann auch zusammen wohnen. Da scheint sich etwas zu entwickeln, ein Verständnis zu entstehen, dass wir alle Nähe und Zärtlichkeit wollen und brauchen. Was aber, wenn Max keine Freundin, keinen Freund findet? Infolge des Charge-Syndroms hat er Hypogenitalismus, also einen kleinen, kindlichen Penis. Vermutlich ist auch sein Hormonhaushalt nicht zu vergleichen mit dem von anderen Gleichaltrigen. Das alles wird ihn nicht unglücklicher oder glücklicher machen. Aber wer nimmt ihn denn ab und zu mal in den Arm? Ich gestehe, dass ich mir das bisher nicht wirklich überlegt habe und mich das jetzt frage. Mit schwerem Herzen. Wer hält Max? Wer streichelt oder umarmt ihn mal? Wenig Bedarf nach Nähe heisst nicht kein Bedarf. Solange wir Eltern da sind und uns an Wochenenden, Abenden oder in den Ferien kümmern, können wir das weiterhin tun, auch wenn das ja eine andere Form der Nähe ist als in einer Liebesbeziehung. Aber sonst?
Mitten in all diesen Fragen bin ich per Zufall auf die SRF-TV-Dokumentation «Donat auf Achse. Begegnungen mit Menschen quer durch die Schweiz» gestossen. Ein kleines Team trifft unterwegs Menschen, führt kurze Dialoge, macht aber auch Besuche vor Ort. Einer dieser Besuche (neuste Staffel, Folge 3, vom 6.8.2025) führte zu einer Frau, welche als Sexualbegleiterin einen Mann in einer
betreuten Wohnsituation regelmässig besucht. Er spricht kaum, macht eher Geräusche. Sie kennt ihn schon mehrere Jahre, kann ihn «lesen», versteht, was ihm guttut und wo seine Grenzen sind. Seine Familie hat wunderbarerweise ihr Einverständnis für dieses sehr berührende Porträt gegeben, auch weil sie der Meinung sind, dass es ganz wichtig ist, dass eben auch Menschen mit Behinderung
körperliche Nähe und Intimität erleben können und dass das kein Tabuthema sein soll. Ich kenne keine der Beteiligten und bin ihnen trotzdem dankbar für ihre Offenheit. Sie machen mir Mut, dass Max, in welcher Form auch immer, Nähe erleben kann und wird, auch wenn’s irgendwann nicht mehr primär die seiner Eltern sein wird.
Text und Fotos: Marianne Wüthrich

Marianne Wüthrich
Autorin und Präsidentin der Stiftung visoparents
Marianne Wüthrich, Stiftungsratspräsidentin der Stiftung visoparents schreibt in dieser Kolumne über ihren Alltag mit Sohn Max (19) und ihren Zwillingen Tom und Leo (16). Max ist infolge des Charge-Syndroms mehrfach behindert und im Autismus-Spektrum.



Herzlichen Dank, liebe Frau Wühtrich, für diesen berührenden Einblick!
Ich wünsche Max und Ihrer Familie nur das Allerbeste und dass sich Ihre Wünsche im Sinne von Max erfüllen werden.
Liebe Grüsse, Daniela Bellmont