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Fokus: Übergang

Übergänge begleiten bei unsichtbarer Behinderung

Autismus gehört zu den unsichtbaren Behinderungen . Den Kindern sieht man ihre besonderen Bedürfnisse nicht an oder erst dann, wenn es zum Zusammenbruch kommt. Ein Übergang, wie etwa ein Schulwechsel, muss daher vorausschauend begleitet werden.

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Übergänge begleiten
bei unsichtbarer
Behinderung

Autismus gehört zu den unsichtbaren Behinderungen. Den Kindern sieht man ihre besonderen
Bedürfnisse nicht an oder erst dann, wenn es zum Zusammenbruch kommt. Ein Übergang, wie
etwa ein Schulwechsel, muss daher vorausschauend begleitet werden.

Stellen Sie sich folgende Szene vor: Ein Kind geht im Einkaufsladen ruhig mit seinen Eltern durch den Gang. Dann hält es sich plötzlich die Ohren zu, erstarrt und bricht in Tränen und Geschrei aus. Aussenstehende reagieren mit Blicken, Kopfschütteln oder schnellen Urteilen. Es besteht ein Missverhältnis zwischen innerer Not und äusserer Unsichtbarkeit.

Autismus zählt zu den unsichtbaren Behinderungen. Ein Kind kann «unauffällig» wirken, sprachlich stark sein und interessiert lernen – und gleichzeitig im Inneren mit Reizüberflutung, sozialer Unsicherheit oder dem Stress wegen unerwarteter Veränderungen kämpfen. Oft sieht das Umfeld
nur das Ergebnis: ein Zusammenbruch, Erstarren, Rückzug, Weinen oder Schreien. Wird die innere Überforderung nicht erkannt, entstehen schnell falsche Deutungen wie: das Kind ist unerzogen, unmotiviert, schwierig. Aufgrund dieser falschen Deutungen greift die Unterstützung oft zu
spät oder gar nicht, und wichtige Weichenstellungen wie passende Anschlusslösungen gehen am tatsächlichen Bedarf vorbei.

Bedürfnisse wahrnehmen, Strukturen schaffen Schulische Übergänge verdichten Veränderung: Auf
die Kinder warten neue Räume, andere Abläufe, neue Bezugspersonen, andere Gruppen, Lautstärken und Erwartungen. Für viele neurotypische Schüler:innen ist das aufregend; für Kinder im Autismus-Spektrum hingegen kann es sich wie ein Kontrollverlust anfühlen, weil ihr Nervensystem oft am Limit arbeitet. Genau in diesen Phasen wird die Unsichtbarkeit besonders riskant: Wenn Unterstützungssysteme wegbrechen, Zuständigkeiten unklar sind oder Institutionen schlecht abgestimmt handeln, steigt die Wahrscheinlichkeit für Überforderung, Rückzug und schulische Misserfolge. Als Bild für einen hilfreichen Umgang kennen wir das grüne Sonnenblumen- Band (Hidden Disabilities Sunflower Lanyard), das 2016 am Flughafen Gatwick entwickelt wurde. Menschen mit unsichtbaren Behinderungen können damit signalisieren, dass sie mehr Zeit, mehr Unterstützung brauchen. Für Schulen ist nicht die Idee entscheidend, Kinder zu «markieren», sondern die Grundhaltung dahinter: Man geht nicht davon aus, dass Behinderung sichtbar sein muss, rechnet bewusst mit unsichtbaren Bedürfnissen und schafft Strukturen, damit Unterstützung nicht vom Zufall abhängt.

Rückzug und schulische Misserfolge. Als Bild für einen hilfreichen Umgang kennen wir das grüne Sonnenblumen- Band (Hidden Disabilities Sunflower Lanyard), das 2016 am Flughafen Gatwick entwickelt wurde. Menschen mit unsichtbaren Behinderungen können damit signalisieren, dass sie mehr Zeit, mehr Unterstützung brauchen. Für Schulen ist nicht die Idee entscheidend, Kinder zu «markieren», sondern die Grundhaltung dahinter: Man geht nicht davon aus, dass Behinderung sichtbar sein muss, rechnet bewusst mit unsichtbaren Bedürfnissen und schafft Strukturen, damit Unterstützung nicht vom Zufall abhängt.

Systematische Vorbereitung und verlässliche Prozesse

Es wird deutlich: Tragfähige Anschlusslösungen entstehen nicht durch Glück oder die «eine» gute Lehrperson, sondern durch verlässliche Prozesse, professionelle Unterstützung durch die Schule und kluge Begleitung durch die Eltern. Dazu gehören beispielsweise:

  • Frühe und ernsthafte Wahrnehmung: Hinweise von Eltern, Therapeut:innen und dem Kind selbst werden als Grundlage für Planung genutzt.
  • Transparente Diagnostik: Eine Diagnose ist kein Stempel, sondern ein Werkzeug, das Klarheit schafft.
  • Verbindliche Übergabegespräche: Klare Kommunikation zwischen abgebender und aufnehmender Schule.
  • Multiprofessionelle Zusammenarbeit: Lehrpersonen, Schulische Heilpädagog:innen, Therapeut:innen und Eltern planen gemeinsam, mit klaren Zuständigkeiten, rund um den Wechsel.
  • Perspektive des Kindes: Auch junge Kinder können sagen, was ihnen Sorgen macht und was ihnen hilft.
  • Standardisierte Übergabedokumente: Klare Angaben darüber, welche Unterstützung das Kind benötigt.
  • Verbindliche Nachbegleitung: Eine Anschlusslösung endet nicht am Tag des Übertritts. Geplante Rückmeldeschlaufen und Anpassungen sichern das Ankommen.

Passende Anschlusslösungen in der Praxis

Wie ein Übergang in eine neue Schule gelingen kann, zeigt ein Beispiel aus der Schule IFA in Dübendorf.

Die IFA (Intensiv-Förderung Autismus) ist eine Schule Typ B für Kinder im Autismus-Spektrum. Sie wurde vor rund zweieinhalb Jahren von der Stiftung visoparents in Dübendorf gegründet. Mittlerweile besuchen 13 Kinder die Schule. Drei dieser Kinder stehen aktuell am Ende des Zyklus 1 und also vor einem entscheidenden Schritt: dem Wechsel in den Zyklus 2 – und damit in ein neues Schulsetting. Zwei Kinder wechseln an heilpädagogische Schulen, ein Kind an eine Privatschule mit Kleinklassen, individualisiertem Unterricht und flexibler Lernumgebung.

Die drei Schulen unterscheiden sich, doch alle bieten ein Umfeld, in dem das Kind mit seinen unsichtbaren Bedürfnissen gesehen wird und lernfähig bleibt. Solche Übergänge sind anspruchsvoll, können aber gut gelingen, wenn alle Beteiligten die unsichtbaren Bedürfnisse der Kinder ernst nehmen, sie gezielt sichtbar machen und darauf eingehen. In der Schule IFA beginnen wir bereits Monate vor dem Ereignis mit der Vorbereitung auf den Wechsel und schliessen den Prozess erst Monate danach ab, wie folgendes Beispiel aufzeigt:

Monate vorher: den Übergang greifbar machen

Die Lehrpersonen der IFA nehmen früh Kontakt mit der zukünftigen Schule auf, klären Erwartungen, Rahmenbedingungen und Zuständigkeiten und bitten um Fotos der neuen Umgebung, von Räumen, dem Pausenplatz und der künftigen Lehrpersonen. Daraus kreieren wir individuelle Vorbereitungshilfen wie etwa Bildkarten mit Orten und Personen oder eine einfache Abstreichliste, auf der das Kind sieht, wann Schnupperzeit und Wechsel stattfinden. So wird die «Zukunft» konkret und emotional besser aushaltbar.

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Insgesamt dreizehn Kinder besuchen die Schule IFA (Intensiv-Förderung Autismus).

Schnupperzeit: neue Welt, bekannte Bezugsperson

Vor dem eigentlichen Übertritt verbringt jedes Kind mehrere Tage an der zukünftigen Schule und wird an ein bis zwei Schnuppertagen von einer vertrauten Bezugsperson begleitet. Das wirkt als Anker: Die Begleitperson kann Abläufe erklären, Stress früh erkennen und vermitteln. Nach der Schnupperzeit werden Beobachtungen gemeinsam mit den neuen Lehrpersonen ausgewertet: Was hat gut funktioniert? Wo zeigte sich Überforderung? Welche Unterstützung war hilfreich – und ist der Ort wirklich passend?

Die Zeit dazwischen: gezielt vorbereiten

Wenn definitiv entschieden ist, welche Schule es sein soll, binden wir das Thema im Unterricht und in Visualisierungen laufend mit ein und führen die Abstreichliste weiter. Wenn möglich, besucht die zukünftige Lehrperson das Kind in der aktuellen Klasse, zeigt Fotos oder kurze Videobotschaften
und stärkt so das Vertrauen. Der Wechsel wird damit nicht zum Bruch, sondern zu einem vorbereiteten Schritt, bei dem Sorgen und Vorfreude Platz haben.

Nach dem Wechsel: dranbleiben

Mit dem ersten Schultag endet unsere Verantwortung nicht. Eltern und Kind behalten in der IFA eine Ansprechperson, und auch die neue Schule kann sich melden. In einem umfangreichen Bericht an die neue Schule machen wir zudem sichtbar, was man dem Kind nicht ansieht, und zeigen die individuellen Bedürfnisse des Kindes auf, wie etwa Reizregulation, Kommunikation, hilfreiche Strategien oder Lernstand. So kann die aufnehmende Schule von Anfang an Bedingungen schaffen, unter denen das Kind ankommen und lernen kann.

Gelingende Übergänge brauchen keine spektakulären Aktionen, sondern verlässliche, koordinierte Strukturen. Wichtig sind eine frühe Planung, das Sichtbarmachen von Bedürfnissen, mehrfaches begleitetes Schnuppern, dass Entscheidungen gemeinsam geprüft werden und die verantwortlichen Personen auch nach dem Wechsel in engem Kontakt bleiben. Dies hilft Kindern mit Autismus, Übergänge zu meistern. Werden sie Schritt für Schritt in eine Lernumgebung begleitet und werden sie in ihrer besonderen Art zu denken unterstützt, ist dies ein wertvoller Beitrag an die Vielfalt unserer Gesellschaft. Denn langfristig ist genau diese andere Perspektive in einer komplexen Welt enorm wertvoll.

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Schule IFA

An der Schule IFA (Intensiv-Förderung Autismus Zyklus 1) werden Kinder mit Autismus im Grundschulalter unterrichtet. Durch spezifische Förderung erlernen sie unter anderem die Kompetenz, ihre Wahrnehmungsschwierigkeiten besser zu regulieren, sodass sie fokussierter lernen können. Die Schule IFA richtet ihr Angebot vorwiegend an Kinder, die kognitiv das Potenzial haben, in einer Regelschule erfolgreich unterrichtet zu werden.

Text: Robert Rauschmeier
Fotos: Vera Markus, zvg

Quellen:
www.autismus.ch
www.hdsunflower.com
https://edudoc.ch/record/226662/files/Eckert_Autismus_2022.pdf
Schulische Übergänge erfolgreich gestalten. Mays & Metzner, Persen.

Robert Rauschmeier
Sonderschule IFA

Robert Rauschmeier arbeitet als Schulischer Heilpädagoge und Klassenlehrperson an der Sonderschule IFA.

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