«Ich spreche immer mit
der Patientin – nicht über sie»
Dr. Karin Lindauer hat am Spital Zollikerberg eine gynäkologische Sprechstunde für Mädchen und Frauen mit Behinderung aufgebaut und schliesst damit eine grosse Lücke. Durch Respekt und Geduld schafft sie einen geschützten Raum, in dem über Menstruationsbeschwerden und Verhütung genauso gesprochen werden kann wie über Sexualität und Lust – auch ganz ohne Worte.

Dr. med. Karin Lindauer ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und Oberärztin an der Frauenklinik des Spitals Zollikerberg mit einem 50%-Pensum. Ende 2024 hat sie die gynäkologische Sprechstunde für Patientinnen mit kognitiver und/oder körperlicher Beeinträchtigung initiiert. Sie ist Mutter von drei Kindern. Ihre älteste Tochter hat das Rett-Syndrom, eine seltene Genmutation, die einhergeht mit einer körperlichen und geistigen Behinderung.
Frau Dr. Lindauer, vor einem Jahr haben Sie die gynäkologische Sprechstunde für Patientinnen mit Behinderung ins Leben gerufen. Was hat Sie dazu bewogen?
Dr. Karin Lindauer: Ich konnte fast nicht glauben, dass es ein solches Angebot bisher nirgends in der Schweiz gab. Durch Eline, meine achtjährige Tochter, die mit dem Rett-Syndrom lebt, bin ich in regem Austausch mit anderen Eltern von Kindern mit einer Behinderung. Immer wieder wurde ich von Müttern darauf angesprochen, wie schwierig es sei, eine Gynäkologin oder einen Gynäkologen für ihre
Töchter zu finden. Entweder wurden sie gar nicht erst aufgenommen oder waren nach dem ersten Termin ernüchtert, weil beim Gegenüber zu viel Unsicherheit oder schlicht Unwissen herrschte. So reifte mein Entschluss, das selbst in die Hand zu nehmen. Zum Glück unterstützte mein Chef, Dimitrios Chronas, das Vorhaben voll und ganz.
Was unterscheidet Ihr Angebot von einer «gewöhnlichen» Sprechstunde?
Der wohl grösste Unterschied ist die Zeit, die ich mir pro Patientin nehmen kann: eine Stunde. Das ist viermal so lang wie in der regulären Sprechstunde. Und diese Zeit braucht es auch!
Richtet sich das Angebot an Patientinnen mit geistiger wie körperlicher Behinderung gleichermassen?
Ja – und es wird auch etwa gleich stark genutzt. Das Spektrum reicht von der selbstständig lebenden Frau mit Trisomie 21 bis zur schwer mobilitätseingeschränkten Frau mit multiplen medizinischen Problemen. Diese Bandbreite macht meine Arbeit wahnsinnig spannend und bereichernd. Meine jüngste Patientin ist 13, die älteste 70. Die meisten sind zum allerersten Mal bei einer Gynäkologin
Wie läuft ein Termin ab?
Viele haben das Bild des gynäkologischen Stuhls im Kopf. Doch nur bei einem kleinen Teil meiner Patientinnen sind vaginale Untersuchungen notwendig. Wenn eine Frau keinen Geschlechtsverkehr hat, reicht die normale Liege, ein Ultraschall durch die Bauchdecke, ein Blick auf die Vulva, das Abtasten der Brust. Wo immer möglich, lasse ich die Patientin mithelfen.
Wie schaffen Sie es, Vertrauen aufzubauen?
Ich versuche, jedem Menschen offen und neugierig gegenüberzutreten. Einfach mal passieren lassen, nicht grad reinschiessen mit tausend Fragen. Es darf keinen Zwang geben – weder verbal, noch psychisch, noch physisch. Alles geschieht im Einverständnis. Wir haben es oft auch sehr lustig miteinander. Menschen mit Beeinträchtigung sind ja meist überaus direkt. Das schätze ich.
Wie kommunizieren Sie mit Patientinnen, die sich nicht lautsprachlich äussern können?
Das kann über Metacom-Symbole oder einen Sprachcomputer sein, aber auch mit Mimik, Gestik, Augenkontakt, einem Händedruck, der Körperhaltung. Und dann bin ich natürlich auch auf Übersetzungshilfe angewiesen durch Menschen aus der Familie oder der Institution, die die Patientin gut kennen.
Wie gelingt es Ihnen, trotz Begleitperson die Patientin ins Zentrum zu stellen, mit ihr zu sprechen und nicht über sie?
Das ist in meinen Augen ganz stark eine innerliche Haltung. Es käme mir nie in den Sinn, über Eline zu reden, wenn sie dabei ist. Also würde ich das auch nie bei einer Patientin tun. Ich spreche immer klar die Patientin an. Wenn die Begleitperson reinredet – nicht mit böser Absicht, sondern um zu helfen –, erkläre ich, dass ich hören möchte, was die Frau selbst sagt.
Was raten Sie Eltern mit einer Tochter mit Behinderung: Wann ist ein guter Zeitpunkt für den ersten Besuch in einer gynäkologischen Praxis?
Nach dem Einsetzen der Mens darf man ruhig ein, zwei Jahre warten, bis sich der Zyklus eingependelt hat. Ich rate zu einem Besuch, wenn es Beschwerden gibt – etwa starke Blutungen oder Schmerzen während der Periode. Und spätestens dann, wenn Themen wie Partnerschaft und Sexualität aktuell werden.
Wie bereiten Eltern ihre Töchter am besten auf den ersten Termin vor?
Indem sie entwicklungsgerecht erklären, was passieren wird. Vom Autismus-Verlag gibt es eine Broschüre mit dem Titel «Der Besuch bei der Frauenärztin». Hilfreich kann sein, der Tochter ein Bild von mir zu zeigen. «Das ist Karin. Wir gehen zu Karin, zum Reden.» Ich gebe auch immer den Tipp, etwas mitzunehmen, das der Frau oder dem Mädchen wichtig ist, ein Figürchen etwa oder Musik. Darüber kann ich Verbindung schaffen und es hilft der Patientin, zur Ruhe zu kommen.
Als wie aufgeklärt erleben Sie Ihre Patientinnen?
Die Bandbreite ist riesig. Meiner Erfahrung nach sind ältere Frauen mit Beeinträchtigung tendenziell schlechter aufgeklärt als jüngere. Heute geht man zum Glück an Schulen und in Institutionen vermehrt proaktiv an das Thema Sexualität heran. Ich hatte schon 50-jährige Patientinnen, die in meiner Sprechstunde zum ersten Mal ihre Vulva an-schauten und berührten – nicht immer zur Freude der Angehörigen, die vielleicht denken: «Um Himmels willen, wieso zeigt sie ihr jetzt das? Am Ende ist sie dann immer am Masturbieren.»
Wie reagieren Sie auf solche Bedenken?
Ich erkläre die Vorteile. Je besser eine Frau ihren Körper kennt, desto eher kann sie sagen, was schön ist, und auch, wenn etwas nicht gut ist – von körperlichen Beschwerden bis hin zu sexuellem Missbrauch. Aufklärung ist immer auch Prävention.
Viele Frauen oder Eltern stehen irgendwann vor der Frage der Verhütung. Wie gehen Sie dieses Thema an?
Das ist kein einfaches Thema, vor allem wenn die Wünsche von Eltern und Tochter auseinandergehen. Die Eltern möchten eine Schwangerschaft verhindern, während die Frau vielleicht sagt: «Für mich ist Sex gar kein Thema. Ich will mit meinem Schatz nur Händchen halten.» Unterschiedliche Bedürfnisse spreche ich offen an. Die Frau muss wissen: Das ist mein Körper, ich bestimme darüber. Sie muss aber auch wissen, dass sie schwanger werden kann. Es muss klar sein, wer die Beziehung im Auge behält und rechtzeitig reagiert, wenn sich die Bedürfnisse ändern.
Gibt es Patientinnen, die den Wunsch nach einem Kind äussern?
Das kam bisher in meiner Sprechstunde noch kaum vor. Das Thema ist hochkomplex, aber auch hochspannend. Da spielen praktische organisatorische Fragen eine Rolle. Kann dieser Mensch für ein Kind sorgen? Welche Unterstützung braucht es? Aber auch ethische und genetische Aspekte müssen bedacht werden. Eine Frau mit Zerebralparese hat mich einmal verzweifelt angeschrieben. Drei Gynäkolog:innen hatten ihr gesagt, ihr Kinderwunsch sei «hirnverbrannt». Ich glaube, wir wähnen uns manchmal in Sachen Inklusion weiter, als wir tatsächlich sind. Wieso sollte eine Frau im Rollstuhl nicht Mutter werden können?
Was berührt Sie an Ihrer Arbeit am meisten?
Es gibt so viele schöne Begegnungen. Eine meiner ersten Patientinnen war eine ältere Frau mit massiven Wechseljahrbeschwerden. Mit einer Hormonersatztherapie konnten wir ihre Lebensqualität enorm verbessern. Ihre Mutter hat mir später geschrieben: «Sie war so neben den Schuhen, so aggressiv. Nun ist sie wieder wie früher.» Und ich erinnere mich an eine junge Frau, deren Mutter überzeugt war, ein Untersuch sei unmöglich. Dann haben wir Musik gehört, gesungen – und alles ging wunderbar. Zum Abschied gab sie mir ein Küsschen auf die Stirn.
Wie sehen Sie die Zukunft Ihrer Sprechstunde?
Die Nachfrage ist grösser, als das, was ich abdecken kann. Momentan biete ich die Sprechstunde an einem Tag pro Monat an. Eine Kollegin wird bald bei mir hospitieren, das freut mich. Ich hoffe, dass sich noch mehr Kolleg:innen dafür öffnen. Wir sind auch im Gespräch mit Institutionen, um in Zukunft vor Ort Sprechstunden anbieten zu können. Das wäre für viele Patientinnen eine grosse Erleichterung.
Meine Vision ist, dass jede Frau die Möglichkeit hat, sich gynäkologisch begleiten zu lassen – egal, ob sie sprechen kann oder nicht, ob sie laufen kann oder nicht. Das wäre echte Inklusion – und ein Riesengewinn für alle.
Anmeldung zur Sprechstunde
Für einen Termin in der Sprechstunde kann man sich melden unter:
Frauenklinik Spital Zollikerberg
Ambulatorium: Tel. 044 397 25 25
E-Mail: karin.lindauer@spitalzollikerberg.ch
Info: www.spitalzollikerberg.ch (unter: Fachbereiche > Gynäkologie > Sprechstunde für Pat. mit Beeinträchtigung)
Interview: Sandra Trupo
Fotos: Sabine Rock, zvg


