Cerebral-Love:
Eine Website bricht mit Tabus
Die Vereinigung Cerebral Schweiz hat die selbstbestimmte Sexualität für Menschen mit Behinderung zum Strategiethema erklärt. Entstanden sind ein Sexualkonzept und eine umfassende Website mit Informationen, Erfahrungsberichten und zahlreichen Tipps rund um Sexualität und Behinderung.
«Sexualität und Partnerschaft sind Grundbedürfnisse und jeder Mensch hat das Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität. Bei diesem Thema werden Menschen mit Behinderung oft stigmatisiert.» Mit diesen Worten startet Vanessa Leuthold ihr Plädoyer für eine selbstbestimmte Sexualität im Sexualkonzept der Vereinigung Cerebral Schweiz. Darin erläutert sie als betroffene Frau, weshalb es wichtig ist, dass es neben dem Präventionskonzept (Schutzauftrag) eben auch ein Sexualkonzept braucht, durch das unter anderem Rahmenbedingungen und Begegnungsräume geschaffen werden.
Vanessa Leuthold arbeitet als Mitarbeiterin Strategiethemen bei der Vereinigung Cerebral Schweiz. Das Thema selbstbestimmte Sexualität ist ihr ein grosses Anliegen. Vor rund drei Jahren ging die Vereinigung Cerebral Schweiz mit der Website www.cerebal-love.ch online. Diese richtet sich in erster Linie an Jugendliche und Erwachsene mit Cerebralparese, aber auch an andere Menschen mit Behinderung sowie an Angehörige und Interessierte. Die Website bietet zahlreiche Informationen rund um Lust, Sexualität und Partnerschaft. Es geht dabei beispielsweise um die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Reizen, den Umgang mit Schmerz oder Speichelfluss, um Hygiene oder auch um den ersten Besuch in einer Gynäkologie-Praxis. Zudem bietet sie persönliche Erfahrungsberichte und hält wertvolle Adressen und Tipps bereit.
Informationen zu Sexualität und Behinderung sind rar
Anlässlich ihres 60-Jahr-Jubiläums 2017 machte die Vereinigung Cerebral Schweiz das Thema Sexualität im Rahmen eines Workshops mit Mitgliedern zum Strategiethema. Dabei entstand auch die Idee, eine Website zu kreieren. Rückblickend, sagt Vanessa Leuthold: «Es war unter anderem ein persönlicher Wunsch von mir, das Thema aufzugreifen, denn in meiner Jugend war Sexualität und Cerebralparese ein grosses Tabu. Nach einer eingehenden Recherche musste ich feststellen, dass sich diesbezüglich wenig geändert hat und nach wie vor kaum Informationen dazu vorhanden waren.»

Während der Erstellung der Website zeigte sich bald, dass das Thema vielen unter den Nägeln brannte. Zahlreiche Mitglieder aus der Vereinigung Cerebral Schweiz boten an, persönliche Texte beizusteuern. So finden sich mittlerweile nebst theoretischem Wissen über Körper und Gesundheit und rechtlichen Grundlagen Erfahrungsberichte, etwa über die Partner:innensuche im Internet oder ein intimer Text über das erste Mal.
«Wichtig für Menschen mit Cerebralparese ist das Thema Körperempfinden und der Umgang damit.»
Körperempfinden und Partnerschaft sind beliebte Themen
Auf die Frage, was denn die meistgesuchten Themen sind, antwortet Vanessa Leuthold: «Wichtig für Menschen mit Cerebralparese ist das Thema Körperempfinden und der Umgang damit – entsprechend oft wird diese Rubrik angeklickt. Aber auch der Wunsch nach einer Partnerschaft
ist omnipräsent, und nicht zuletzt interessieren sich die User oftmals für die Adressen unter der Rubrik Dienstleistungen.» Diese seien, so Vanessa Leuthold, handverlesen und geprüft.
cerebral-love.ch
Das Thema selbstbestimmte Sexualität und Behinderung wird in den folgenden Jahren Teil der Strategie der Vereinigung Cerebral bleiben – und die Website weiter ergänzt und ausgebaut. Das eingangs erwähnte Sexualkonzept der Vereinigung Cerebral Schweiz ist ebenfalls auf der Website zu finden – es steht zur freien Verfügung und darf, mit Quellenangabe, von Institutionen als Vorlage für eigene Konzepte verwendet werden.
Elternschaft mit Behinderung
Die Website www.cerebral-love.ch bietet auch Informationen für Eltern oder werdende Eltern mit Behinderung. Das Interesse ist gross – deshalb wird dieser Bereich stetig erweitert und
ausgebaut. Seit Oktober 2025 bietet die Vereinigung Cerebral Schweiz zudem Onlinetreffen für Eltern und Personen mit Behinderung und Kinderwunsch an. Dieser Anlass wird jeweils
moderiert und bietet einen sicheren, respektvollen Raum, um Fragen zu klären, sich auszutauschen und Tipps von erfahrenen Eltern abzuholen.
Termin: jeweils am letzten Sonntag im Monat, von 16.30 bis 17.45 Uhr.
https://bit.ly/Elternaustausch
Text: Regula Burkhardt
Fotos: Vereinigung Cerebral Schweiz


