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Fokus: Träume

Ein Raum für Traumstunden

Snoezelen bringt Entspannung in einen reizüberfluteten Alltag. Die Kita-Kinder im Kinderhaus-Imago in Dübendorf schätzen die Geborgenheit in diesem speziellen Raum und entdecken mitunter ungeahnte Fähigkeiten.

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Ein Raum für Traumstunden

Snoezelen bringt Entspannung in einen reizüberfluteten Alltag. Die Kita-Kinder im Kinderhaus-Imago in Dübendorf schätzen die Geborgenheit in diesem speziellen Raum und entdecken mitunter ungeahnte Fähigkeiten.

Das Licht ist gedämpft, meditative Musik tönt aus den Lautsprechern und die Atmosphäre im Snoezelen-Raum wirkt entspannend. Zwei kleine Jungs aus der Gruppe Bärentätzli kommen zur Türe herein und bleiben staunend in der Mitte des Raumes stehen. Hier gibt es einiges zu entdecken: Das Zimmer ist komplett weiss eingerichtet mit Sitzkissen, weichen Matten und einem grossen Wasserbett. Ein Projektor wirft farbige Tupfen an die Wand. Grün, Blau und Rot wechseln sich in fliessenden Übergängen ab. Die zwei Kinder richten ihre Aufmerksamkeit auf die leuchtenden Engelshaare, die wie ein Wasserfall von der Decke auf den Boden fliessen. Sie dürfen die feinen Stränge anfassen, durch die Finger gleiten lassen und sogar in den Mund stecken. Dieser Raum ist dafür gemacht, ertastet und entdeckt zu werden. Ziel ist es, dass sich die Kinder hier wohl fühlen, vom hektischen Gruppenalltag abschalten und entspannen können.

Kinder mit und ohne Behinderung sind fasziniert von den Farben, Lichtern und Düften beim Snoezelen.

Fortschritte bei Kindern mit Behinderung

Nun kommen zwei weitere Kleinkinder in den Snoezelen-Raum. Die Gruppenleiterin Selina Perrig legt ein drei Jahre altes Mädchen auf das weiche Wasserbett. Das Kind ist mehrfach behindert. Es sieht sich interessiert im Raum um, kommt an. Ein anderes Mädchen mit einer Sehbeeinträchtigung erforscht unterdessen die Einrichtung, prüft die weichen Kissen, die Spiegel an der Wand und öffnet den Schrank, in dem die technischen Hilfsmittel verstaut sind. «Die Kinder reagieren jeweils ganz unterschiedlich auf den Raum. Während die einen entspannen, werden die anderen aktiv, sind öfters unterwegs oder bauen etwa aus Kissen Hütten und spielen Rollenspiele», erklärt Selina Perrig.

Hin und wieder findet ein Kind allerdings gar keinen Gefallen am Snoezelen, dann darf es selbstverständlich wieder zurück zu den anderen Kindern im Gruppenraum. An diesem Vormittag freuen sich jedoch alle. Das Mädchen, das aufgrund seiner Behinderung stark in seiner Bewegung eingeschränkt ist, hat gar sichtlich Spass auf dem Wasserbett. Es dreht sich von der einen Seite auf die andere, setzt sich selbstständig auf und überrascht die beiden Betreuerinnen mit seinen motorischen Fortschritten. Sie lassen das Mädchen gewähren, beobachten, kommentieren und unterstützen falls nötig. «Wir sehen oft, dass Snoezelen eine positive Wirkung auf Kinder mit Behinderung hat, weil sie sich in der reizarmen Umgebung geborgen fühlen, sich entspannen und sich dadurch selber stärker wahrnehmen können», so die Gruppenleiterin.

Damit ist das Konzept von Snoezelen auch schon kurz und knapp erklärt: Wer sich entspannen kann, sich wohl und geborgen fühlt, kann seine Ressourcen für Neues nutzen. Wer sich hingegen in der reizüberfluteten Welt gestresst fühlt oder sich ängstigt, hat keine Ressourcen für anderes zur Verfügung.

Snoezelen

Der Begriff «Snoezelen», ausgesprochen «snuselen», ist eine Verbindung aus den beiden holländischen Wörtern «snuffelen» (schnuppern) und «doezelen» (dösen, schlummern). Dabei handelt es sich um einen weissen, reizarmen Raum, in dem die Wahrnehmungsbereiche wie Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten angesprochen werden und der den Menschen ein Gefühl der Geborgenheit verschafft. Die BesucherInnen können es sich auf weichen Kissen bequem machen und die Seele baumeln lassen. Ausgewählte Musik, Düfte und die Lichtgestaltung unterstützen dabei, geleitete Fantasiereisen anzutreten, Entspannung zu erlangen und damit die eigene Wahrnehmung zu stärken.

Ursprünglich wurde diese Therapieform von zwei Zivildienstleistenden für Menschen mit schweren kognitiven, Behinderungen entwickelt, die die vielen Sinneseindrücke, die im Alltag auf sie einprasseln, nicht sicher zuordnen können und unter der Reizüberflutung leiden. Die beiden Pioniere entwickelten deshalb einen Raum, der die Reizflut verbannt. In der Schweiz kam Snoezelen anfangs vorwiegend für Personen mit Demenz zum Einsatz, um ihnen mit Licht, Klängen und Gerüchen positive Sinneseindrücke zu vermitteln und Ängste zu nehmen. Mittlerweile hat sich Snoezelen in diversen weiteren Einrichtungen etabliert, so auch in Kindergärten, Kindertagesstätten und Schulen.

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Traumwelten kreieren

In den kalten Monaten, wenn es draussen für lange Aufenthalte zu kalt ist, nutzt das Kinderhaus den Raum gerne auch als Abwechslung. So kreieren die BetreuerInnen etwa verschiedene Themenwelten, in die sie zusammen mit den Kindern eintauchen. Im Snoezelen-Raum wird es nie langweilig, denn die einzelnen Elemente lassen sich beliebig verändern. «Wir können die Musik und die Düfte je nach Bedarf verändern oder ganz weglassen. Mit dem Projektor können wir Fische über die Wand schwimmen lassen, das Licht der Engelshaare lässt sich sowohl farblich als auch in seiner Intensität variieren, und sogar die Blasen in den Wassersäulen können schnell oder langsamer aufsteigen», erklärt Selina Perrig.

Bedürfnisgerechtes Ambiente schaffen

Kinder mit Sehschwäche sprechen gut auf helle Lämpchen an, andere Kinder haben eher Schwierigkeiten, viele Reize gleichzeitig zu verarbeiten und bevorzugen ein Ambiente mit weniger Elementen. Die Technik gewährt eine schier unendliche Wahlmöglichkeit und lässt jedes Detail bedürfnisgerecht einstellen. In einem Snoezelen-Raum wird von den Kindern keine Leistung erwartet. Hier können sie einfach sein, träumen, herunterfahren oder auch spielen. Mit verschiedenen Sinnesmaterialien kann nebst dem Sehen, Hören, Riechen und Schmecken auch der Tastsinn angesprochen werden. In Dübendorf stehen hierfür weitere Hilfsmittel wie etwa Bälle mit verschiedenen Oberflächen oder Malerrollen zum Massieren bereit. «Snoezelen tut allen Kindern gut, ob mit oder ohne Behinderung und es hat positive Auswirkungen auf die Gruppendynamik. Wir erleben oft, dass die Kinder im Raum vermehrt Kontakt miteinander aufnehmen», sagt Gruppenleiterin Perrig. Der Snoezelen-Raum im Kinderhaus Imago in Dübendorf konnte 2013 dank Spendengeldern gebaut werden.

Text: Regula Burkhardt
Fotos: Vera Markus

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