«Sport stärkt das
Selbstvertrauen»
Bei ihr dreht sich alles um Sport – und darum, Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Behinderungen dafür zu begeistern und zu befähigen. Manuela Baumann erzählt, wie Kinder zur passenden Sportart finden, welche Wirkung Sport hat und was Plusport alles bietet.

Manuela Baumann arbeitet bei Plusport im Bereich Bildung – Inklusion. In ihrer Freizeit engagiert sie sich als Sportcamp-Hauptleiterin und technische Leiterin.
Zuvor war sie unter anderem an den Förderstützpunkten von Plusport tätig, wo die Sportler:innen im Para-Spitzensport trainiert werden. Sie ist ausgebildete Pflegefachfrau und Schneesportlehrerin, spezialisiert auf Menschen mit Beeinträchtigungen.
Manuela Baumann, Sie sind vor wenigen Tagen aus dem Tessin zurückgekehrt, wo Sie das Feriencamp für Familien leiteten. Wie war es?
Manuela Baumann: Es war eine unglaublich schöne, erlebnisreiche und intensive Woche voller wertvoller Begegnungen, berührender Momente und viel gemeinsamer Freude.
Plusport bietet sportliche Aktivitäten für Menschen mit Behinderungen an. Bei diesem Camp waren ausnahmsweise auch die Eltern und Geschwister dabei. Weshalb?
Das Familiencamp richtet sich in erster Linie an Kinder mit Behinderungen, die an einem Sportcamp teilnehmen möchten, aber nachts (noch) nicht von ihrer Familie getrennt sein wollen. Bei diesem Angebot kann die ganze Familie gemeinsam in die Ferien, die Kinder mit Behinderungen sind tagsüber betreut und nehmen an einem polysportiven Angebot teil. Die Eltern und die Geschwister
können unterdessen Zeit miteinander verbringen. So ist das Camp eine wertvolle Unterstützung für die ganze Familie. Hier kann das Kind ohne Übernachtungs-Trennung Camp-Luft schnuppern und vielleicht eher abschätzen, ob es zukünftig in einem Übernachtungscamp ohne Eltern dabei sein möchte.
Wie findet man denn eigentlich die Sportart, die am besten zu seinem Kind passt?
Eine Sportart, an der das Kind Freude hat und die zu seinen Möglichkeiten passt, findet man am besten durch Ausprobieren. An unseren polysportiven Kursen und Camps beispielsweise können zahlreiche unterschiedliche Sportarten getestet werden. Ich erlebe aber häufig, dass Kinder schon wissen, was ihnen zusagt. Wer noch unentschlossen ist, kann sich auch auf unserer Website inspirieren lassen oder am 5. Juli am Plusport-Tag in Magglingen verschiedene Disziplinen ausprobieren.
Manchmal ist es für eine Familie organisatorisch einfacher, wenn das Kind im eigenen Dorf, im eigenen Quartier Sport treiben kann. Inklusive Angebote gibt es aber noch nicht in jedem Verein. Was raten Sie?
Meiner Erfahrung nach lohnt es sich, direkt mit den Verantwortlichen eines Sportvereins in Kontakt zu treten. Manchmal müssen Eltern Pionierarbeit leisten und beispielsweise im Turnverein im Ort anfragen, ob ihr Kind mitmachen kann. Die Verantwortlichen sind häufig sehr offen und manchmal entsteht aus einer solchen Anfrage ein neues Angebot. Eltern, die nicht fündig werden, können sich an Plusport wenden. Für einen sanften Einstieg in einem Verein kann ein Inclusion-Coaching durch Plusport unterstützend sein.
Ab welchem Alter empfehlen Sie den Einstieg in den Sport?
Vielfältige Bewegungserfahrungen sind bereits vor der Schulzeit wichtig. Beispielsweise Baby-Schwimmen oder Eltern-Kind-Turnen bieten dafür gute Gelegenheiten. Der Einstieg in eine spezifische Sportart hängt von der gesundheitlichen Verfassung und der Art der Behinderung ab. Grundsätzlich ist ungefähr der Beginn der Schulzeit ein gutes Alter, um regelmässig mit einer spezifischen Sportart zu beginnen. Wichtig dabei ist, dass sich die Kinder gut von den Eltern ablösen können.
Und wann ist der geeignete Zeitpunkt für ein Camp?
Auch das ist individuell. Kindern, die noch zu jung für ein Camp sind, bieten wir Tagescamps in der Region an, an denen die Kinder in den Schulferien tagsüber mitmachen, aber zu Hause übernachten.
Wie schaffen Sie es, dass die individuellen Bedürfnisse jedes Kindes berücksichtigt werden?
Bei unseren Sportangeboten geben wir jeweils einengewissen Rahmen vor und kommunizieren, an welche Personen mit welcher Behinderung sich das Angebot richtet. Es gibt Angebote, die sich spezifisch an Kinder mit einer körperlichen Beeinträchtigung richten, andere, die die Zielgruppe breiter fassen. Bei den Sportcamps ist es wichtig, dass die Eltern transparent kommunizieren, wenn sie ihr Kind anmelden. Mit all den vorhandenen Informationen zu den angemeldeten Kindern werden dann die entsprechenden Leitungs- und Unterstützungspersonen aufgeboten. Es hilft niemandem, wenn Eltern wichtige Infos verschweigen aus Angst, das Kind dürfe dann vielleicht nicht teilnehmen. Plusport kann viele Bedürfnisse abdecken, muss sie aber im Vornherein kennen, um entsprechende Unterstützung einzuplanen.
Sie verfügen über langjährige Erfahrung, insbesondere im Wintersport. Welche Entwicklungen beobachten Sie jeweils bei Kindern und Jugendlichen, die sich sportlich betätigen?
Bei Kindern, die an Camps teilnehmen, sehe ich die Veränderung sowohl auf sportlicher wie auch auf persönlicher Ebene. Anfangs sind manche Kinder sehr schüchtern, zurückgezogen, trauen sich wenig zu. Und Ende Woche sind sie nebst den technischen Fortschritten im Schneesport meist wie ausgewechselt, sind selbstsicher und stolz, wenn sie erkennen, was sie alles geschafft haben. Solche Erfahrungen sind ein Grund, weshalb ich diese Arbeit liebe. Bei Kindern, die an unseren Stützpunkttrainings eine sportliche Karriere anstreben, beobachte ich häufig, dass sie dank dem Sport eine grössere Selbstsicherheit und Selbstständigkeit erlangen, beispielsweise nach einiger Zeit selbstständig mit dem ÖV anreisen.
Was ist die grösste Herausforderung für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen, wenn sie Sport treiben?
Das Lerntempo ist meist etwas langsamer als bei Kindern ohne Beeinträchtigung. Das liegt daran, dass sie ihre gut funktionierenden Fähigkeiten gezielt einsetzen müssen, um Bereiche auszugleichen, die weniger gut funktionieren, damit die Sportart trotzdem gelingen kann. Das braucht mehr Zeit und mehr Training. Training stärkt aber das Selbstvertrauen, indem die Kinder merken, dass sie in ihrer Disziplin durchaus gut sind und Fortschritte machen. Sie merken: Mit Geduld, Training und den passenden Hilfsmitteln können sie ihre Ziele erreichen.
Welche Rolle spielen die Eltern?
Eine sehr grosse, denn ein unterstützendes Umfeld ist wichtig. Die Eltern müssen eine Sportart in gewisser Weise mittragen und sie dem Kind zumuten. Es ist wichtig, dass die Kinder die Möglichkeit haben, Sport auszuprobieren und zu erleben. Denn Sport zu treiben, ist eine ganz andere Erfahrung als all die Therapien, die die Kinder häufig machen. Und manchmal ermöglichen ebendiese sportlichen Erlebnisse auf vielen anderen Ebenen grosse Fortschritte.
Plusport Schweiz
Plusport setzt sich dafür ein, Sport den Menschen mit Behinderungen zugänglich zu machen. Das Engagement umfasst den Breitensport, den Spitzensport und die Nachwuchsförderung.
Jährlich bietet Plusport insgesamt rund 110 Sportcamps und in über 80 Sportclubs regelmässige Trainings in verschiedenen Sportarten an. So findet man die Sportart, die zu einem passt Die Sportdatenbank auf der Website zeigt eine Übersicht aller Sportangebote und Sportcamps in der Schweiz sowie aller Events von und mit Plusport.
Die Angebote können gefiltert werden, beispielsweise nach Angebotsart (Camp oder Training), nach Sportart oder nach Behinderungsform und Alter:
Interview: Regula Burkhardt
Beitrag- und Titelfoto: © PluSport
Redaktion Foto: zvg


