Aurelio lässt sich
nicht aufhalten
Ob auf zwei Rädern, mit dem Fussball oder beim Volkslauf: Aurelio liebt Sport über alles. Dass er aktuell noch rund zwei Prozent Sehvermögen hat, hält ihn nicht davon ab, seinen Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen. Seine Eltern und sein Bruder unterstützen ihn bei seinen Freizeitvorhaben.
Aurelio ist 10 Jahre alt, und liebt alles, was mit Bewegung zu tun hat. Wann immer möglich steht er auf dem Rasen und kickt den Fussball ins Tor. Oder er saust mit seinem Trottinett oder den Inlineskates auf der Quartierstrassehin und her. Am allerliebsten aber fährt er Fahrrad. «Ganz ehrlich, ich habe oft Angst um ihn. Aber ich lasse ihn trotzdem machen», gesteht seine Mutter Christine. Aufgrund einer angeborenen Augenkrankheit, des Glaukoms (auch kongenitales Glaukom oder Grüner Star genannt), eines später auftretenden Katarakts (Grauer Star) und einer Netzhautablösung ist Aurelio fast blind. Aktuell beträgt sein Sehvermögen auf einem Auge noch ein bis zwei Prozent. Auf dem anderen Auge ist er vollständig erblindet.
Velofahren macht einfach Freude
Schon als Kleinkind liebte Aurelio sein Laufrad Like-a-Bike und fuhr damit im Quartier umher. Damals betrug sein Sehvermögen noch rund vier Prozent. «Ich fand es ganz normal, dass Aurelio die gleichen Dinge tut wie andere Kinder auch», erinnert sich Christine. Als er grösser wurde, kauften ihm seine Eltern schliesslich ein Velo mit Pedalen. Das Fahren damit gelang dem Kind auf Anhieb, und auch das machte ihm grosse Freude. Bald schon unternahm die ganze Familie auch grössere Velotouren durch den Wald oder der Aare entlang. Auf befahrenen Strassen koppelte Christine Aurelios Velo jeweils mit einem Follow-me-Tandem- System an das ihre. Nur auf den ruhigen Nebenstrassen oder auf dem Quartierweg vor dem Haus ist Aurelio fortan noch selbstständig unterwegs, oder in Begleitung seines zwei Jahre jüngeren Bruders Giuliano.
Wie Aurelio mit seiner Sehbehinderung Velo fahren kann, erklärt er so: «Mami hat mir mal gesagt, ich solle einfach meinem Bruder hinterherfahren. Das mache ich seither immer, und es funktioniert.» Auf weitere Nachfrage hin sagt Christine: «Ganz ehrlich, ich weiss auch nicht genau, wie er es macht, aber er kommt damit erstaunlich gut zurecht. Aurelio hat aufgrund seiner Augenkrankheit einen Tunnelblick. Innerhalb dieses Tunnels sieht er ein kleines, aber scharfes Bild. So kann er seinen Bruder sehen, nicht aber seine Umgebung. Und weil er nur auf einem Auge sieht, hat er kein dreidimensionales Bild und kann dadurch Distanzen nicht einschätzen. Ich fahre deshalb auf dem Velo jeweils hinter Aurelio her und gebe ihm Anweisungen, wohin er fahren soll oder was sein Bruder gerade macht. Das klingt dann so: Weiter rechts! Mehr links! Achtung, dein Bruder bremst!»
Zwischen Sicherheit und Machen-Lassen
Christine ist sich im Klaren, dass die Gefahren grösser werden, sollte Aurelios Sehkraft weiter abnehmen. Es ist ein ständiges Abwägen zwischen Unfallverhütung und dem Ermöglichen wichtiger Erfahrungen für das Kind. Die Eltern haben sich mit Aurelio darauf geeinigt, dass er zur Sicherheit immer einen Integralhelm (Helm, der auch die Kinnpartie schützt) trägt, wenn er auf Rädern unterwegs ist, und seit ein paar Wochen auch eine Weste, die auf seine Sehbehinderung hinweist. Trotzdem können nur die wenigsten Passantinnen und Passanten die Situation richtig einschätzen. «Ich glaube, die meisten Leute, die uns begegnen, halten mich schlicht für eine dieser extrem übervorsichtigen
Mütter, die ihr Kind nicht machen lassen, wenn ich hinter Aurelio herfahre und ihm Anweisungen zur Fahrtrichtung zurufe», sagt Christine.

Bei seiner Geburt hatte Aurelio ein Sehvermögen von rund fünf Prozent auf beiden Augen. Ob der heutige Sehrest von zwei Prozent auf einem Auge erhalten bleiben wird oder ob Aurelio eines Tages ganz erblindet, kann niemand mit Sicherheit sagen. «Mir war es deshalb schon immer wichtig, möglichst viel mit Aurelio zu unternehmen und ihm viel zu zeigen. Wir gingen beispielsweise oft in den Zoo, sodass er möglichst viele Tiere sehen konnte. Alles, was Aurelio einmal gesehen hat, ist wertvoll für seine Erinnerung», so Christine.
«Mami hat mir mal gesagt, ich solle einfach meinem Bruder hinterherfahren. Das mache ich seither immer, und es funktioniert.»
Neu entdeckte Sportarten
Zu Aurelios Lieblingsbeschäftigungen ist letzten Winter noch eine Sportart hinzugekommen: Skifahren. Er und sein Bruder fuhren zum ersten Mal Ski auf dem verschneiten Berner Hausberg Gurten. Anfangs leistete Christine Starthilfe, doch schon nach ein wenig Übung glitten die beiden selbstständig den Hang hinunter. Ein wertvoller Tag, den alle drei wohl nie vergessen werden. Auch Vater Stefano unterstützt solche Vorhaben: «Ich finde, man muss die Kinder möglichst viele Erfahrungen machen lassen.» Er ist ebenfalls ein Bewegungsmensch. Seit etwa vier Jahren nimmt er mit seinen Söhnen an Volksläufen in der Region teil, etwa am Grand Prix Bern, am Büren- und am Stedtlilouf Aarberg. Aurelio rennt mit ihm am Begleitband im Tandem. «Anfangs war es schon etwas schwierig, auf Dinge zu achten, die man sonst nicht bewusst wahrnimmt, etwa auf Wurzeln am Boden, und diese Information früh genug an Aurelio weiterzugeben. Aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt»,
sagt Stefano. Aurelio hat auch am Laufsport Gefallen gefunden. Das Velofahren will er aber trotzdem nicht so schnell aufgeben. Für die nahe Zukunft hat er diesbezüglich einen ganz besonderen Wunsch: «Ich möchte mal mit meinem Velo auf dem Pumptrack fahren», sagt er. Dann verabschiedet er sich und geht wieder nach draussen, um seinem Bruder hinterherzuflitzen.
Text: Regula Burkhardt
Redaktion Foto: zvg


