Ein Samstag
voller Abenteuer
In der Natur unterwegs sein, als Gruppe rings ums Lagerfeuer sitzen, Gitarre spielen, Lieder singen. Wer einmal in der Pfadi war, weiss: diese Erlebnisse bleiben ewig in schöner Erinnerung. In der PTA (Pfadi Trotz Allem) nehmen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderungen am Pfadileben teil. Ein Einblick in einen gar nicht so anderen Pfadi-Tag.
Es ist Samstag. Kaum sind wir Pfadis an der vereinbarten Tramhaltestelle in Zürich angekommen, begrüssen uns die Leitenden. Nach und nach treffen alle ein. Die Vorfreude steigt, endlich geht es los. Gemeinsam starten wir den Nachmittag mit unserem Pfadiruf: «Wulp Pfadi sind mer… Pfadi Trotz Allem!» Jetzt kann das Abenteuer beginnen.
Eine Leiterin holt ein Globibuch hervor und will daraus vorlesen. Doch plötzlich passiert etwas Unerwartetes. Eine vermummte Gestalt taucht auf, reisst ihr das Buch aus der Hand und verschwindet wieder. Natürlich wollen einige Pfadis sofort hinterherrennen. Doch die Leitenden halten sie zurück: «Die Gestalt ist schneller als wir, die würden wir nie einholen», erklären sie. So frustrierend es ist, sie haben recht. Plötzlich ruft Moskito und zeigt auf den Boden: «Ein Zettel!» Er hebt ihn auf und bringt ihn einem Leiter, der ihn der ganzen Gruppe zeigt. Mikado erkennt sofort, was es ist: «Das ist eine Karte! Eine Karte zum geheimen Versteck des Diebes.» Jetzt ist Teamgeist gefragt.
PTA – Pfadi Trotz Allem
Die PTA wurde 1924 in der Westschweiz gegründet. Somit wurde vor über 100 Jahren der Grundstein für ein Angebot gelegt, das bis heute unzähligen Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen unvergessliche Erlebnisse ermöglicht.
- Eintritt: für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen ab ca. 8 Jahren
- Schnuppern: Die meisten PTA-Gruppen bieten Schnupperaktivitäten an
- Kosten: Werden von den Abteilungen festgelegt, sind oft tiefer als viele andere Freizeitangebote
*Karte: Nur PTA anzeigen
Gemeinsam macht sich die Gruppe auf den Weg und steht kurz darauf an einer Kreuzung. Zum Glück haben wir in der Pfadi gelernt, wie man Karten liest, und wissen, dass wir den Weg nach rechts einschlagen müssen. Bald stossen wir auf ein grosses Spinnennetz mitten auf dem Weg. Die Aufgabe besteht nun darin, dass durch jedes Loch nur eine Person schlüpft. Einige Löcher sind ganz schön weit oben. Also helfen wir uns gegenseitig, heben einander hoch und tragen alle vorsichtig hindurch.
«Zum Glück haben wir in der Pfadi gelernt, wie man Karten liest.»
Weiter geht’s, immer den Hinweisen der Karte nach. Und tatsächlich entdecken wir schon bald eine kleine Kiste, die an einem Baum hängt. Vorsichtig lösen wir das Seil und lassen sie langsam herunter. Voller Spannung öffnen wir sie. Und da ist er, der Schatz des Diebes: unser Globibuch, dazu Schokoladentaler und ein feiner Znüni. Erleichtert machen wir uns über den Znüni her. Während wir essen, liest uns die Leiterin endlich die Geschichte aus dem Globibuch vor.
Plötzlich hören wir ein Rascheln hinter den Bäumen. Die vermummte Gestalt tritt langsam hervor. Diesmal wirkt sie ganz anders. Vorsichtig kommt sie näher, nimmt die Vermummung ab und wir sehen dem Dieb in die Augen. Er entschuldigt sich bei uns und erklärt, er habe das Buch genommen, weil er sich schon lange eines gewünscht habe. Er sei zudem oft allein und habe niemanden, um solche gemeinsamen Abenteuer zu erleben. Selbstverständlich laden wir ihn ein, bei uns in der PTA mitzumachen, und zeigen ihm unseren Pfadiruf. Und zusammen rufen wir laut: «Wulp Pfadi sind mer … Pfadi Trotz Allem!» Anschliessend tauchen auch schon die Eltern auf, um die Kinder abzuholen.
Nach diesem Nachmittag gehen wir nicht nur mit der Erinnerung an ein gemeinsames Abenteuer nach Hause, sondern auch mit dem Wissen, einen neuen Freund gewonnen zu haben.
Drei Fragen an Tux

Tux (Masha Schiltknecht) ist Verantwortliche für die PTA in der Pfadibewegung Schweiz. Als «Büropfadi» unterstützt sie die PTA-Gruppen aus dem Hintergrund, steht bei Fragen und Herausforderungen zur Seite und hilft dabei, gemeinsam Lösungen zu finden. Zudem organisiert sie Ausbildungskurse, unter anderem den PTA-Kurs.
Von 2016 bis 2021 war Tux als Leiterin in einer PTA aktiv.
Was gefällt dir an der PTA?
Die PTA ist ein Ort, an dem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene einfach Mensch sein dürfen.
Die Behinderungen rücken in den Hintergrund, wichtig ist, wer die Person ist, und nicht, was sie hat. Gemeinsam entdecken wir Neues, unterstützen einander und wachsen über uns hinaus.
Weshalb engagierst du dich für die Pfadi?
Es ist dieses besondere Gemeinschaftsgefühl und die ehrliche, unverfälschte Freude der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die mich immer wieder aufs Neue berühren. Genau das ist der Grund, warum ich bis heute Teil der Pfadi bin. Inzwischen arbeite ich vermehrt im Büro im Hintergrund, aber nach wie vor mit dem Ziel, den Pfadis draussen im Wald unvergessliche Erlebnisse zu ermöglichen.
Welche Erlebnisse aus deiner aktiven Pfadizeit sind dir besonders in Erinnerung geblieben?
Das sind ganz unterschiedliche, aber sehr berührende Momente: etwa als mich eine Teilnehmerin, die mich gar nicht kannte, bei meiner ersten PTA-Aktivität voller Freude herzlich umarmte. Oder ein Junge, der plötzlich losgerannt ist und damit alle überrascht hat, da er bisher nicht rennen konnte. Zu den schönsten Erinnerungen gehört bestimmt auch das Bundeslager 2022, an dem auch die PTA teilnahmen und bei dem sie sich besonders über die Rollstuhltribüne freuten.
Pfadi für alle
PTA (Pfadi Trotz Allem) richtet sich an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderungen. Sie macht genau das, was auch alle anderen Pfadis tun: draussen sein, gemeinsam unterwegs sein, mit Freundinnen und Freunden Abenteuer erleben. Vieles, was in anderen Abteilungen möglich ist, geht auch in der PTA. Ob Seilbahnen bauen, wandern, Feuer machen oder Herausforderungen meistern – fast alles ist möglich. Der Unterschied liegt selten im Was, sondern im Wie. Die Programme sind so gestaltet, dass alle teilnehmen können. Manchmal bedeutet das, neue Wege zu finden oder kreativ zu werden. Statt einer Bergwanderung wählen die Leitenden vielleicht eine Route im Flachland, damit auch ein Kind mit Rollstuhl dabei sein kann. Es geht nicht darum, weniger zu erleben, sondern darum, Erlebnisse allen zugänglich zu machen.
Oft sind es die Ideen und die Offenheit der Leitpersonen, die den Rahmen setzen. Mit Fantasie und Engagement entstehen so immer wieder unkomplizierte Lösungen, die auf den ersten Blick vielleicht unmöglich wirken. Und meist gelingt es schon mit ganz einfachen Mitteln, gemeinsame Erlebnisse für alle möglich zu machen. Der grösste Unterschied zu anderen Pfadi-Gruppen zeigt sich wahrscheinlich im Tempo. In der PTA nimmt man sich mehr Zeit. Zeit füreinander, Zeit für kleine Fortschritte und Zeit für die gemeinsamen Momente, die sonst vielleicht verloren gehen würden. Und genau in diesem Tempo entstehen oft die schönsten Erlebnisse.
«In der PTA nimmt man sich mehr Zeit. Zeit füreinander, für kleine Fortschritte und gemeinsame Momente.»

Angebote sind regional
Die PTA gibt es in der ganzen Schweiz, die Gruppen sind jedoch sehr unterschiedlich organisiert. In der französischsprachigen Schweiz wird das Angebot meist inklusiv gelebt, während es in der Deutschschweiz eher separative Gruppen gibt. Diese Form entsteht bewusst auf Wunsch der Abteilungen. Gleichzeitig sind alle jederzeit willkommen, an regionalen, kantonalen oder nationalen Anlässen teilzunehmen. Ebenso ist die Zusammensetzung der Gruppen vielfältig. Manche richten sich an jüngere Teilnehmende bis etwa 18 oder 20 Jahre, andere setzen sich aus Menschen bis ins Erwachsenenalter zusammen. Häufig sind die Gruppen gemischt, sowohl im Alter als auch im Geschlecht.
Die Leitung der PTA-Gruppen übernehmen junge Erwachsene, die sich ehrenamtlich und unentgeltlich engagieren, so wie in allen anderen Pfadi-Gruppen übrigens auch. Sie tun dies aus Überzeugung und Freude an der gemeinsamen Zeit mit den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

PTA-Leiter:innen gesucht
In der Schweiz nehmen rund 300 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an separativen PTA-Gruppen teil. Für inklusive Angebote gibt es keine genauen Zahlen, da sie oft in andere Pfadistufen integriert sind und statistisch nicht separat erfasst werden. In regulären Pfadiabteilungen durchlaufen Kinder und Jugendliche die verschiedenen Bedürfnisstufen und übernehmen mit der Zeit mehr und mehr Verantwortung. Viele werden später selbst zu Leitenden und gestalten Aktivitäten oder Lager für die nächste Generation.
In der PTA ist dieser Weg oft nicht in gleicher Weise möglich. Viele der ehemaligen Kinder und Jugendlichen können im Erwachsenenalter keine Leitungsfunktion übernehmen. Dadurch fehlt der natürliche Nachwuchs an Leitpersonen, wie er in anderen Abteilungen entsteht. Das führt seit längerer Zeit zu einer zentralen Herausforderung: Es gibt zu wenige PTA-Leiterinnen und -Leiter.
Eine wichtige Rolle im PTA-Alltag spielt die Sicherheit. Da die Leitenden in der Regel keine berufliche Ausbildung in der Pflege oder Betreuung haben, entscheiden sie selbst, welche Aufgaben sie sich zutrauen und wo ihre Grenzen liegen. Jede Abteilung findet dabei ihren eigenen Weg. So kann es vorkommen, dass im einen Lager auch pflegerische Aufgaben übernommen werden, während andere Gruppen bewusst darauf verzichten. Gleichzeitig gilt immer, dass die Sicherheit der ganzen Gruppe gewährleistet sein muss. Das Verhalten einzelner Teilnehmerinnen und Teilnehmer darf also weder sie selbst noch andere gefährden.
Auf ins Lagerleben
Ein wichtiger und fester Bestandteil der Pfadi sind die Lager. In der PTA sind diese so vielfältig wie die Gruppen selbst: Manche gehen ins Herbstlager, andere ins Sommerlager, ins Pfingst- oder Auffahrtslager, wieder andere ins Chlaus- oder sogar ins Schneelager. Die Möglichkeiten sind fast grenzenlos.
Möglich gemacht werden diese Angebote mit viel Kreativität und passenden Lösungen. Eine gute Übernachtungsgelegenheit bieten beispielsweise die Pfadiheime oder die barrierefreien Spatz-Zelte draussen in der Natur – je nach Zusammensetzung der Gruppe. So finden alle einen Weg, um unvergessliche Lagererlebnisse zu schaffen.
Text: Tux (Masha Schiltknecht), Pfadibewegung Schweiz
Fotos: Aline d’Auria/Pfadi Bundeslager mova 2022


