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Fokus: Übergang

Bedeutung des Übergangs

Für Kinder mit Behinderung sind Übergänge oft besonders herausfordernd – insbesondere der Eintritt in den Kindergarten oder die Schule. Erwachsene können sie bei diesem wichtigen Schritt unterstützen, etwa indem sie die Kinder gut darauf vorbereiten und Vorhersehbarkeit schaffen sowie mit guter Kommunikation mit den Lehrpersonen.

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Bedeutung des Übergangs

Für Kinder mit Behinderung sind Übergänge oft besonders herausfordernd – insbesondere der Eintritt in den Kindergarten oder die Schule. Erwachsene können sie bei diesem wichtigen Schritt unterstützen, etwa indem sie die Kinder gut darauf vorbereiten und Vorhersehbarkeit schaffen sowie mit guter Kommunikation mit den Lehrpersonen.

Übergänge gehören zum Leben. Sie können herausfordernd, belastend und anstrengend sein. Sie bieten aber auch Chancen für Wachstum und neue Erfahrungen. Die Geburt stellt den ersten grossen Übergang dar – von einer geschützten Umgebung in eine ganz neue Welt. Dem Neugeborenen wird dabei eine grosse Anpassungsleistung abverlangt, die es meist gut bewältigt. Im Laufe seines Lebens wird das Kind weitere kleine wie grosse Übergänge meistern. Zu den grossen gehören etwa der Eintritt in eine Kita, in den Kindergarten, die Schule oder später die mannigfaltigen Schritte ins Erwachsenenleben. Zu den kleineren Übergängen zählen beispielsweise die erste Übernachtung ohne die Eltern oder alleine Spielen beim Nachbarskind.

Kleine Übergänge erfolgen manchmal ganz unbemerkt. Grössere hingegen gehen oft einher mit strukturellen Veränderungen, Ortswechseln, neuen Tagesabläufen oder mit dem Kennenlernen von neuen Bezugspersonen, Freunden und Freundinnen. Es kann sein, dass sich dabei die eigene Rolle oder Identität verändert.

Übergänge brauchen viel Zeit, Anpassungsleistung und Energie – nicht nur von den betroffenen Menschen selbst, sondern auch vom Umfeld. Denn: Tritt eine Veränderung im Leben eines Kindes ein, verändert sich auch der Alltag der Eltern. Oft sogar grundlegend.

So gelingen Übergänge

Wie gut ein Kind Übergänge bewältigt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Im Elternmagazin «Fritz + Fränzi» berichtet die Entwicklungspädiaterin Bea Latal, dass beispielsweise Menschen mit einem sehr grossen Geborgenheitsbedürfnis eher Mühe haben mit Übergängen. Mit folgenden Ideen können Eltern Kinder darin unterstützen, Übergänge noch besser zu bewältigen:

  • Erkennen. Wichtig ist, Übergänge frühzeitig als solche zu erkennen und zu benennen, um das Kind gut darauf vorzubereiten.
  • Vorfreude. Übergänge, die aus freudigem Anlass erfolgen, gelingen einfacher. Es hilft, wenn Eltern voller Freude darüber sprechen.
  • Vorhersehbarkeit. Es fällt Kindern leichter, sich auf Neues einzulassen, wenn sie wissen, was auf sie zukommt. Ein Bilderbuch über die Kita oder die Schule, Fotos der neuen Lehrpersonen, Schnuppertage am neuen Ort oder das Ablaufen des neuen Weges helfen, sich vor dem eigentlichen Start von der Situation ein Bild zu machen.
  • Gemeinsam. Wenn Mami oder Papi an der Seite des Kindes ist, geht es einfacher. Begleiten Sie das Kind an den neuen Ort und bleiben Sie da, solange das Kind Sie noch braucht.
  • Reden. Wenn Kinder Ängste oder Sorgen haben, hilft es, darüber zu sprechen oder sich mit Piktogrammen auszutauschen.
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Gute Kommunikation hilft beim Kindergartenstart

Der Start im Kindergarten gilt in der Schweiz als Eintritt ins Schulsystem. Eltern eines Kindes mit Behinderung stellt das vor grosse Entscheidungen. Sie müssen herausfinden, welcher Ort der richtige für ihr Kind ist. Soll es ein Kindergarten in einer heilpädagogischen Sonderschule oder doch eher der Kindergarten in der Regelschule im Quartier sein?

Manuela Fehr Slongo vom Heilpädagogischen Dienst St. Gallen-Glarus hat schon viele Eltern bei dieser Wahl begleitet. Sie sagt: «Meiner Erfahrung nach müssen Eltern, die sich für die Regelschule entscheiden, viel mehr Effort für einen gelungenen Übergang leisten als jene, die eine heilpädagogische Schule wählen.» Der Grund: Vielen Kindergärtner:innen an Regelschulen fehlt die Erfahrung hinsichtlich der Bedürfnisse von Kindern mit Behinderung. Mit Engagement und offener Kommunikation kann der Übergang dennoch gut gelingen. «Entscheiden sich Eltern für den Regelkindergarten, sollten sie früh Kontakt zu den Lehrpersonen aufnehmen, um die Bedürfnisse zu besprechen und den Eintritt gemeinsam gut zu planen», sagt Fehr Slongo. Meist dürfen Kinder mit Behinderung vorgängig im neuen Kindergarten schnuppern und die Lehrpersonen kennenlernen – diese Möglichkeit sollte man unbedingt nutzen.

Was zudem zu einem gelungenen Übergang in den (Regel-) Kindergarten beitragen kann:

  • Kaufen Sie ein Buch über den Kindergarten und erzählen Sie, was die Kinder dort machen und erleben.
  • Kaufen Sie früh eine Kindergartentasche oder einen Rucksack und geben Sie sie dem Kind zum Spielen. Es kann darin auch sein Znüni verstauen und üben, wie man im Kindergarten Znüni isst.
  • Üben Sie das selbstständige An- und Ausziehen.
  • Üben Sie den Kindergartenweg und besuchen Sie den Kindergarten häufig.
  • Geben Sie (nach Absprache mit der Lehrperson) dem Kind ein Übergangsobjekt wie ein Plüschtier oder eine Foto mit.
  • Schaffen Sie Transparenz: Teilen Sie der Kindergartenlehrperson mit, in welcher Form und mit welchen Worten sie die anderen Kinder und Eltern über die Behinderung informieren darf.

Selbst dann, wenn Eltern ihr Kind sehr gut auf den Kindergarten vorbereiten, kann es sein, dass der Übergang nicht reibungslos verläuft. Keine Angst, Rückschritte gehören dazu. «Mein Rat an die Eltern: Setzen Sie sich nicht unter Druck, dass alles reibungslos verläuft. Lassen Sie sich und Ihrem Kind Zeit. Von einem Kind mit Behinderung verlangt der Kindergartenstart oft eine grössere Anpassungsleistung als von anderen Kindern. Es kann sein, dass das Kind dadurch abends sehr erschöpft oder wütend ist. In diesem Fall lohnt es sich vielleicht, das Pensum am Anfang zu reduzieren – da dürfen Eltern ruhig auf ihr Bauchgefühl hören», sagt Manuela Fehr Slongo. Das oberste Ziel soll sein, dass das Kind im Kindergarten mehrheitlich positive Erfahrungen macht.

Übergänge in der Forschung

Romana Snozzi, Advanced Lecturer an der Hochschule für Heilpädagogik HfH in Zürich, forscht an Bildungsverläufen und untersuchte insbesondere Übergänge von Kindern mit Behinderung im Schulsetting. Sie sagt: «Internationale Studien zeigen, dass Schulübergänge für Kinder mit Behinderung viel herausfordernder sind als für Kinder ohne Beeinträchtigung. Das kann daran liegen, dass die Komplexität erhöht ist. In der Regel haben Kinder mit Behinderung ein grosses Unterstützungsnetzwerk, das sich bei einem Wechsel ändert. Zudem sind sie möglicherweise auf spezifische Hilfsmittel und Unterstützungsangebote angewiesen. Auch verfügen diese Kinder oft über weniger Ressourcen, um mit Veränderungen umzugehen, und brauchen länger, um sich umzugewöhnen.»

Gemäss einer Studie von Romana Snozzi kommt ein Schulwechsel von der Regelschule in ein Sonderschulsetting häufiger vor als eine Reintegration (siehe Box S. 7).

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Insgesamt dreizehn Kinder besuchen die Schule IFA (Intensiv-Förderung Autismus).

Bekanntes im Neuen hervorheben

Doch wie gut gelingt ein Übergang von der Regelschule in ein Sonderschulsetting? Werfen wir einen Blick in den Sonnenberg in Baar. Dieser bietet Sonderschulen für Kinder und Jugendliche mit Unterstützungsbedarf sowie Internatsplätze an. Maria Harksen, Angebotsleiterin im Bereich Verhalten und Sprache für die dritte bis neunte Klasse, begleitet die Kinder und Jugendlichen jeweils bei einem Eintritt. Sie sagt: «Ich stelle fest, dass der Übertritt für Jugendliche aus einer Regelschule am Anfang schwieriger ist als für jene, die aus einer anderen Sonderschule zu uns kommen. Das gilt auch für deren Eltern. Diese tun sich anfangs oft schwer damit, zu akzeptieren, dass das Kind in einer Sonderschule besser aufgehoben ist. Meine Aufgabe ist es dann, in Gesprächen aufzuzeigen, was wir den Kindern bieten und wie wir sie unterstützen können. Wenn die Eltern ihre Einstellung gegenüber der neuen Schulsituation positiv verändern, hilft das auch den Jugendlichen, sich besser darauf einzulassen.» Bei einem Eintritt in den Sonnenberg geht Maria Harksen auf die Vorlieben der/des Jugendlichen ein. Malt die Person beispielsweise gerne, zeigt sie ihr als Erstes das Malatelier. «Bei Übergängen hilft es, Anknüpfungspunkte an bereits Bekanntes zu finden. Das kann auch ein Spiel sein, das die Person zu Hause gerne spielt, oder noch besser ein:e Schüler:in, die/den die neu eintretende Person bereits kennt.»

Übergänge verlangen Kindern und Jugendlichen viel ab. Wer Übergänge meistern will, muss sich oft mutig in neue Situationen begeben, Unsicherheiten aushalten und stark sein. «Kinder vollbringen da eine grosse Leistung. Deshalb sollten wir Übergänge nie als selbstverständlich betrachten und das Kind loben, wenn es sie gut gemeistert hat. Es soll ruhig wissen: Wow, ich habe etwas Bedeutendes
geschafft!», sagt Maria Harksen. Wer Übergänge meistert, ist in jedem Fall ein:e Held:in, selbst dann, wenn es von aussen ganz einfach ausgesehen hat.

Separation häufiger als Reintegration

Romana Snozzi von der Hochschule für Heilpädagogik HfH wertete im Rahmen ihrer Doktorarbeit, die von der Universität Freiburg begleitet wird, Statistiken von Lernenden in der Schweiz aus. Es zeigte sich, dass etwa ein Fünftel aller Schüler:innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf jedes Jahr das Schulsetting wechseln. Der Wechsel von der Regelklasse in Kleinklassen und Sonderschulen kommt doppelt so oft vor wie umgekehrt. Eine Reintegration findet also deutlich seltener statt als eine Separation. Weitere Infos zur Studie: www.hfh.ch/projekt/schulwechsel-zwischen-integrationund-
separation

Text: Regula Burkhardt
Fotos: Adobe Stock

Weiterführende Literatur:
Transitionen – Übergänge in der Frühförderung gestalten. Britta Gebhard,
Liane Simon, Kerstin Ziemen, Günther Opp, Anke Gross-Kunkel (Hrsg.).
Schulz-Kirchner Verlag, 2021.
Übergänge verstehen und begleiten. Wilfried Griebel, Renate Niesel.
Verlag an der Ruhr, 2020.

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