Ein Platz für Max
Noch besucht Max eine heilpädagogische Schule. Aber vor Jahresende muss er in eine Institution wechseln. Mutter Marianne Wüthrich wünscht sich für ihn eine geschützte Tagesstruktur. Nur wo? Ein Bericht über die zermürbende Suche, belastende Auswahlverfahren und die Hoffnung auf eine Lösung.
Während Tom das Gymnasium besucht, hat sein Zwillingsbruder Leo im vergangenen Sommer seine Lehre gestartet. Über ein Jahr vor Lehrbeginn musste er sich klar werden, was er machen möchte, was er kann, wo seine Stärken und Schwächen liegen. Kein einfacher Prozess für einen knapp Fünfzehnjährigen. Er war schnuppern, besuchte zahlreiche Infoveranstaltungen und schrieb Bewerbungen. Einmal meinte er, er habe doch schon vier Bewerbungen verschickt, das werde ja nun reichen. Wir widersprachen, meinten, solange keine Zusage da sei, werde weitergeschrieben. Uns wurde im Austausch mit anderen Eltern auch klar, dass eine Lehrstelle finden nicht selbstverständlich
ist und dass sich auf Leos Traumstellen gegen hundert andere bewerben. Leo hatte Glück. Ihm wurde tatsächlich seine Wunschstelle angeboten und nach den ersten Monaten Lehrzeit ist er immer noch zufrieden mit seiner Wahl.

Wie weiter nach der Schulzeit?
Fast zeitgleich mussten bei Max die Weichen neu gestellt werden. Er erhält seit seinem 18. Geburtstag eine IV-Rente und wir sind aktuell auf der Suche nach einer geeigneten Tagesstruktur in einer geschützten Umgebung für ihn. In einigen Jahren braucht er sicher auch eine Wohnmöglichkeit.
Bereits in der Vergangenheit waren seine Schulwechsel jeweils mit einer gewissen Anspannung verbunden, aber wir fanden immer eine Lösung. Wir dachten, bei der kommenden Veränderung sei das auch so – wurden aber eines Besseren belehrt.
Aktuell besucht Max noch das 15plus-Schuljahr, dies ist eine Art verlängertes zehntes Schuljahr für Schüler:innen aus der heilpädagogischen Sonderschule. Die Schule unterstützt uns zum Glück bei der Suche nach Anschlusslösungen und ist gut vernetzt. Allerdings gibt es nach der obligatorischen Schule nicht mehr einfach den nächsten logischen Schritt. Nun müssen Entscheidungen gefällt werden, was denn das Beste ist für das fast erwachsene Kind.
Das Kind will beschäftigt sein
Max kann nicht wie sein Bruder Leo eine Lehre absolvieren. Aber er will beschäftigt sein, es wird ihm schnell langweilig. Er geht gerne raus zum Spazieren oder macht Ausflüge mit seiner Klasse in die Stadt. Auch hilft er gerne in der Küche mit und erledigt einfache Botengänge im Schulhaus. Seinen Tag in der Holzwerkstatt liebt er sehr. Ist er dort, sehen die Lehrpersonen kaum autoaggressives Verhalten bei ihm. Ist er jedoch unterfordert, wird er laut, schlägt sich selbst. Er zeige herausforderndes Verhalten, heisst es dann.
Im Raum Zürich gibt es glücklicherweise ein grosses Angebot an Stiftungen, welche sich um Menschen wie Max kümmern. Allerdings kann Max nicht einfach überall mal schnuppern gehen, am Montag hier, am Mittwoch dort. Zu viele Wechsel überfordern ihn. Gleichzeitig braucht er längere Zeiträume für ein Kennenlernen – sowohl begleitet als auch unbegleitet, und das wiederum erfordert Planung von unserer Seite, von der Schule und von der Institution.
Ein zermürbendes Auswahlverfahren
War das Suchen der Lehrstelle für Leo vor allem für ihn anstrengend und intensiv, so ist Max einmal mehr in einer eigenen Liga unterwegs. Wir haben uns früh auf die Suche gemacht, haben Organisationen besichtigt, Kontakte geknüpft. Trotzdem konnten wir nichts Verbindliches abmachen. Denn die Plätze können nicht reserviert werden. Wird ein Platz frei, besetzen ihn die Institutionen schnellstmöglich wieder.
Max hat bereits längere Zeit begleitet und unbegleitet bei einer Stiftung geschnuppert, die wir über die letzten Jahre ins Auge gefasst hatten. Hin und wieder besuchten wir sie sogar als Familie, etwa an Tagen der offenen Tür. Dann aber gab es Wechsel in der Leitung, Umstrukturierungen und plötzlich wurde klar: sie haben keinen Platz, schon gar nicht für Max. Er ist ihnen zu anspruchsvoll. Wir haben Zeit verloren, hätten uns früher eine ehrlichere Haltung gewünscht. Nun sind wir wieder daran, Möglichkeiten zu prüfen, Institutionen zu besuchen.
Wir sind auch mit Stiftungen in Kontakt, die Max aufnehmen würden. Nur haben sie leider keine freien Plätze. Wir stehen also auf ungewisse Zeit auf Wartelisten. Und wir sind nicht die Einzigen. Und ja, das Auswahlverfahren ist anstrengend, zeitintensiv und genauso schwer, wie es bei Leo war. Auch bei Menschen wie Max wird ausgesucht, gewählt. Wer passt besser in die Gruppe? Wer ist pflegeleichter?
Selbstständiger?
Hin und wieder hören wir Geschichten von Familien, die den perfekten Platz gefunden haben, aber vor dem 18. Geburtstag. Dann hören wir auch von solchen, die, wie wir, dann doch eine Absage bekamen. Auch schon wurden Mitschüler:innen in Max’ Klasse verabschiedet, um dann nach zwei Monaten wieder aufzutauchen, weil der Ort doch nicht gepasst hat.
Dieses ganze Jahr kann Max weiterhin die jetzige Schule besuchen, dann aber, mit seinem zwanzigsten Geburtstag im Dezember, ist unwiderruflich Schluss. Ich mag mir nicht ausmalen, was es bedeuten würde, wenn wir keine Lösung fänden. Wir suchen weiter nach einem Platz, bleiben dran,
füllen Anmeldeformulare aus, auch wenn wir nur auf die Warteliste kommen. Und wir vertrauen darauf, dass jede:r ihren/seinen Platz hat und findet, auch wenn dieses Vertrauen grad etwas auf die Probe gestellt wird…
Text und Fotos: Marianne Wüthrich

Marianne Wüthrich
Autorin und Präsidentin der Stiftung visoparents
Marianne Wüthrich, Stiftungsratspräsidentin der Stiftung visoparents schreibt in dieser Kolumne über ihren Alltag mit Sohn Max (19) und ihren Zwillingen Tom und Leo (16). Max ist infolge des Charge-Syndroms mehrfach behindert und im Autismus-Spektrum.


