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Tagung «Wer bin ich?» – Interview mit Céline, Aktivistin

Ich bin Céline, 22 Jahre alt, studiere Politikwissenschaften und bin Aktivistin. Ich bin autistisch und habe ein starkes «Special Interest» für Politik, das nimmt entsprechend viel Raum in meinem Leben ein. Ausserdem bin ich trans. Ich bin überzeugter Landmensch und lebe sehr gern im Zürcher Unterland. Dort ist es ruhig und anders als oft gedacht habe ich nicht mehr negative Erlebnisse aufgrund meiner Queerness als in der Stadt. Man fällt nicht so auf.

Autorin: Marah Rikli

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«Einem Kind sein Geschlecht
abzusprechen oder seine
Wahrnehmung zu negieren,
verschlechtert seine psychische
Gesundheit.»

Autorin: Marah Rikli

Liebe Céline, magst du erzählen, wer du bist?

Ich bin Céline, 22 Jahre alt, studiere Politikwissenschaften und bin Aktivistin. Ich bin autistisch und habe ein starkes «Special Interest» für Politik, das nimmt entsprechend viel Raum in meinem Leben ein. Ausserdem bin ich trans. Ich bin überzeugter Landmensch und lebe sehr gern im Zürcher Unterland. Dort ist es ruhig und anders als oft gedacht habe ich nicht mehr negative Erlebnisse aufgrund meiner Queerness als in der Stadt. Man fällt nicht so auf.

Was meinst du damit?

Einerseits gibt es weniger Repräsentation, weniger explizit queere Angebote. Andererseits bringt diese geringere Aufmerksamkeit auch Ruhe mit sich. Es sind weniger Menschen da und dadurch auch weniger Menchen, die einen anstarren oder ungewollt kommentieren. Diese Ambivalenz empfinde ich nicht nur als belastend, sondern auch als entlastend. Als neurodivergente Person mag ich nicht so viele Reize und brauche diese Ruhe.

Was ist dir besonders wichtig, wenn wir über dein trans sein sprechen?

Meistens trenne ich mein persönliches trans sein von meinem Aktivismus zu trans Rechten und dem gesellschaftlichen Diskurs. Dies ist vor allem möglich, weil die politischen Angriffe auf trans Menschen in der Schweiz sich bisher vor allem auf Minderjährige beziehen und ich volljährig bin. Es ist für mich jedoch selbstverständlich, mich für andere trans Menschen einzusetzen und der Blick auf Grossbritannien und die USA zeigt, dass es nicht bei Angriffen auf die Rechte minderjähriger trans Menschen bleiben wird.

Für trans Kinder und Jugendliche in der Schweiz ist sich die Lage bereits am Verändern.

Die Diskussionen um ein Verbot von Behandlungen für trans Kinder und Jugendliche aus Angst sind sehr besorgniserregend. Deshalb setze ich mich aktiv für Sensibilisierung und Aufklärung ein, beispielsweise mit diesem Interview. Denn: autistisch und trans zu sein ist nichts Schlimmes und wir sollten dieser Vielfältigkeit mit Neugier statt mit Angst begegnen.

Wann und wie hast du begonnen, über deine Geschlechtsidentität nachzudenken?

Schon früh hatte ich Interessen, die als «weiblich konnotiert» galten. Ich erinnere mich, dass ich mit etwa zehn Jahren eine Hello-Kitty-Party gemacht habe und lieber mit den Mädchen gespielt hätte. Vor allem in der Schule wurde das sofort problematisiert. Mir ist es aber wichtig, diese Interessen vom trans sein zu trennen. Ich hätte auch einfach ein cis Junge sein können, der diese Dinge mag. Mit 16 oder 17 habe ich dann ein Buch über einen trans Menschen gelesen, und plötzlich wurde es mir sehr klar.

Anmeldung für unsere Tagung

Wer bin ich? Neurodivergenz und Geschlechtsidentität im Kindes- und Jugendalter

Die Anzahl Plätze ist beschränkt. Die Anmeldung erfolgt über das Ticketingportal Eventfrog.
Anmeldeschluss: Freitag, 6. März 2026

Wie ging es dir nach deinem Coming-out?

Nach meinem Coming-out musste ich viel weniger verstecken. Es hat mir enorm geholfen, andere trans Personen zu kennen. Ich stand noch ganz am Anfang, hatte viele Fragen und auch Ängste. Von anderen trans Menschen und auch von meinen Eltern und Geschwistern habe ich sehr viel Unterstützung erfahren.

Es gibt Statistiken, die zeigen, dass neurodivergente Menschen sich häufiger als trans oder nonbinär identifizieren. Wie interpretierst du diesen Zusammenhang?

Ich finde es schwierig, diesen Zusammenhang ohne fundierte Studien festzumachen. Das ist vielleicht auch, weil ich autistisch bin: Ich möchte Dinge gerne wissenschaftlich erklären können. Wenn ich aber mutmassen soll, dann vielleicht so: Neurodivergente Menschen legen oft weniger Wert auf gesellschaftliche Normen oder halten sich weniger zurück, Kritik an diesen Normen zu äussern. Das kann auch ein Vorteil sein. Sie leben eher aus, was sie fühlen, selbst wenn es nicht den Normen entspricht.

Wie hast du deine Neurodivergenz erlebt?

In der Schule war ich sehr auffällig, sozial wie auch im Verhalten. Eine Abklärung stand im Raum, wurde aber damals nicht gemacht. Ich hatte lange kaum soziale Kontakte und hätte mir sehr gewünscht, früher zu wissen, dass ich autistisch bin. Meine Diagnose habe ich erst seit etwa einem Jahr. Rückblickend wäre vieles leichter gewesen, hätte ich sie früher gehabt. Auch weil wir nicht in einer neurodivergenzfreundlichen Welt leben. Unterstützung und Verständnis bekommt man oft nur, wenn man offiziell diagnostiziert ist.

Eltern machen sich aber oft Sorgen, ihr Kind könnte zu früh in eine «Abklärungsspirale» geraten.

Der sogenannte «Abklärungswahn» wird oft kritisiert, ähnlich wie von einem angeblichen «Trans-Wahn» gesprochen wird. Das erinnert mich an einen Vergleich: Der Anteil an Linkshänder*innen stieg in den 1960er-Jahren stark an, nicht, weil es plötzlich mehr gab, sondern weil man aufgehört hat, es ihnen abzutrainieren. Eine Nichtabklärung macht übrigens nicht weg, dass ich autistisch, trans oder linkshändig bin.

Findest du, es gibt genug Verständnis und Unterstützung?

Bei physischen Barrieren sehe ich Fortschritte, wobei es auch dort noch viele Missstände gibt. Aber sobald es um Menschen geht, die psychisch oder kognitiv «anders» sind, sind die Hürden immer noch enorm hoch und das Verständnis geringer.

Wie schätzt du das Verständnis gegenüber Eltern von neurodivergenten und Kindern, die trans sind, ein?

Ein häufiger Fehlschluss ist, dass Erziehung oder Umfeld dafür sorgen, wenn ein Kind «anders» ist. Dabei gibt es autistische und trans Kinder in allen Familien, unabhängig von Klasse, Religion, politischer Ansicht oder Herkunft. Auch die Idee der «sozialen Ansteckung» ist falsch.

Einige Eltern haben tatsächlich diese Sorgen. Zum Beispiel wenn ihre Kinder an queere Lesungen gehen oder in queere Jugendtreffs.

Vielleicht gehen ihre Kinder auch einfach an diese Orte, weil sie dort «sicherer» sind. Menschen sind trans weil sie trans sind und nicht, weil sie jemand damit ansteckt.

Was meinst du mit «sicher»?

Wenn ich in einen queeren Jugendtreff gehe, muss ich mich nicht erklären und habe keine Angst. Ich werde angenommen, wie ich bin, und kann einfach ich selbst sein. Deshalb sollten Eltern doch ihre Kinder unterstützen in diesen Schritten, wenn sie wollen, dass es dem Kind gut geht.

Viele Menschen sagen, medizinische Eingriffe seien heute zu einfach zugänglich. Wie siehst du das?

Viele glauben, medizinische Transition sei «einfach». Das stimmt überhaupt nicht. Ich werde meine Bottom Surgery* frühestens nächstes Jahr haben. Davor braucht es mindestens zwei Jahre Hormone, einen Hausarztwechsel, Vorgespräche, Laserbehandlungen und Auseinandersetzungen mit der Krankenkasse. Für nichtbinäre Menschen gibt es oft nicht einmal eine Kostenübernahme. Es ist ein massiver administrativer und medizinischer Prozess. Niemand macht das leichtsinnig. Was hingegen gut belegt ist: Die Suizidrate sinkt massiv, wenn trans Menschen ernst genommen und unterstützt werden. Ihre Lebensqualität steigt massiv.

Was brauchen Kinder und Jugendliche, um sich sicherer und ernst genommen zu fühlen?

Man muss ihnen glauben. Weder Neurodivergenz noch Transidentität «vergehen» und das ist auch nicht schlimm. Einem Kind sein Geschlecht abzusprechen oder seine Wahrnehmung zu negieren, verschlechtert seine psychische Gesundheit. Kinder wissen sehr gut, wer sie sind. Erwachsene sollten das nicht aus Angst oder Kontrollbedürfnis übergehen.

Welche Stereotype empfindest du als besonders verletzend?

Beim Autismus ist es für mich das Bild der Hochbegabung. Die Annahme, man schaffe ja eh alles, beispielsweise Prüfungen. Dabei werden Anstrengungen, beispielsweise Lernen, unsichtbar gemacht. Auch Menschen, die nach aussen «funktionieren» – also zur Schule, Uni oder Arbeit gehen können, kämpfen mit Meltdowns, sensorischer Überforderung und sozialen Missverständnissen.

Und in Bezug auf trans, welche Vorurteile findest du besonders gefährlich?

Bei trans Frauen ist das Narrativ besonders gefährlich, wir seien trans, um Zugang zu Frauenräumen zu bekommen. Das ist falsch, entmenschlichend und gefährlich.
Ebenso problematisch ist die Vorstellung, trans Männer wollten Männer sein, um im Patriarchat bessergestellt zu sein. Auch Sätze wie «Geh doch mal raus aus deiner Bubble» oder «Verlass deine Komfortzone» ignorieren, dass die Welt ausserhalb dieser Zone für uns oft unsicher ist.

Welche Rolle spielen sichere Räume für trans und neurodivergente Jugendliche?

Queere Jugendtreffs sind auch auf dem Land ein riesiges Erfolgskonzept. Sie zeigen, dass es überall trans Menschen gibt. Eltern sollten sich freuen, wenn ihr Kind solche Orte aufsucht, denn dort fühlt es sich sicher. Da viele der queeren Kinder in den Jugendtreffs auch neurodivergent sind, gibt es meist Awareness-Konzepte und Ruheräume.

Wie sollten Fachpersonen, Eltern und Medien besser mit diesen Themen umgehen?

Fachpersonen sollten Kinder ernsthaft einbeziehen, etwa indem neue Lehrpläne gemeinsam mit ihnen entwickelt werden. Medien sollten Selbstvertreter*innen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und verschiedener Alter zu Wort kommen lassen, statt immer über sie zu sprechen. Eltern sollten ihren Kindern glauben, sie ausprobieren lassen und sich bei verlässlichen Stellen informieren, etwa bei Dachverbänden, nicht bei angstgetriebenen Schlagzeilen. Angst klickt sich gut, aber sie hilft niemandem.

Was bedeutet Selbstvertretung für dich?

Nur Angehörige von Minderheiten wissen letztendlich, wie es ist, als Teil dieser Minderheit zu leben. Ein neurotypischer cis Mensch kann noch so viele Studien lesen, er oder sie weiss nicht, wie es sich anfühlt, autistisch oder trans zu sein. Studien und meine persönliche Erfahrung zeigen auch, dass Begegnungen und Selbstvertretung die Akzeptanz fördern. Kinder reagieren dabei häufig offener als Erwachsene. Sie sind neugierig, stellen Fragen und akzeptieren Grenzen. Genau diese Haltung wünsche ich mir auch von der Gesellschaft: Neugier statt Angst, Zuhören statt Zuschreiben.

Wörterbuch zum Interview

Hier finden Sie eine Zusammenfassung aller Wörter mit
den Definitionen zum Nachlesen.

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