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Fokus: Feste feiern

Feiern mit Piraten, Rittern und Milchreis

Die Vorweihnachtszeit ist Geburtstagsparty-Zeit – jedenfalls bei der Familie Wüthrich. Die beiden Teenager organisieren sich ihre Feier mittlerweile schon ganz selbstständig, für Max denkt sich die Mama aber weiterhin etwas Schönes aus. Ein Einblick in ein turbulentes, aber auch besinnliches Familienleben.

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Feiern mit Piraten, Rittern und Milchreis

Die Vorweihnachtszeit ist Geburtstagsparty-Zeit – jedenfalls bei der Familie Wüthrich. Die beiden Teenager organisieren sich ihre Feier mittlerweile schon ganz selbstständig, für Max denkt sich die Mama aber weiterhin etwas Schönes aus. Ein Einblick in ein turbulentes, aber auch besinnliches Familienleben.

Kaum sind die Herbstferien vorbei, starten wir mit der Planung des Geburtstagsfests unserer Zwillinge. Die beiden teilen sich, nebst ihrem Geburtstag, auch einige Freunde. Wer nun glaubt, das mache das Planen der gemeinsamen Party einfacher, irrt gewaltig. Im Vorfeld wird jeweils hart verhandelt. Und weil ich grossen Wert darauf lege, die Kinder als eigenständige Personen zu betrachten, kann ich in diesem Konflikt ja schlecht darauf beharren, dass sie sich je auf eine halbe Gästeliste festlegen.

Nur: welcher der gemeinsamen Freunde steht denn nun auf wessen Gästeliste? Wir gehen jeweils folgendermassen vor: Beide Jungs sagen, wer auf die Liste soll. Dann werden die doppelten Namen verhandelt. Es muss klar sein, wer denn nun wen einlädt. Es reicht nämlich nicht, dass dieser eine Freund dabei ist, es ist auch überaus wichtig, von wem er denn nun eingeladen wird. Kumulieren und Panaschieren bei eidgenössischen Wahlen ist im Vergleich dazu ein Kinderspiel. Wenn also die wichtigsten Positionen gefüllt sind, wird weiterverhandelt, wen man noch einladen könnte. Hat also ein Zwilling noch eine leere Zeile, so wird gefeilscht, ob da vielleicht auch noch der Name dieses einen, doch auch noch wichtigen Freundes des anderen stehen könnte.

Von Piraten über Zoo bis zum Fussball

Ist die Gästeliste endlich fix, brauchts einen Plan, wann, wo und wie die Sause stattfinden soll. Einladungen müssen gebastelt und verteilt werden. In all den Jahren habe ich schon Piratenfeste gefeiert, mit Kostümen, Flaschenpost-Einladungen und Schatzsuche, Ritterspiele im Garten durchgeführt, die Turnhalle fürs Fussballturnier gemietet, einen Skateboard-Profi engagiert und Kuchen in Form von Zoolandschaften ins zoologische Museum transportiert. Bei unseren Festen war mir immer wichtig, dass es Kuchen oder je nach Tageszeit auch sonst Essen gibt und die Kinder beschäftigt sind. Wenn nämlich fast eine ganze Schulklasse zusammenkommt, darunter hauptsächlich aktive Jungs, dann ist da auch viel Konfliktpotenzial. Mittlerweile sind die beiden 14. Sie feiern immer noch gerne mit ihren Freunden, aber die Gästeliste ist kürzer, das Programm einfacher und sie geben sich auch mit einem Kinobesuch, bowlen, Kart fahren oder Pizza essen zufrieden. Kuchen wollen sie immer noch, traditionellerweise schon zum Frühstück, bevor es in die Schule geht.

Kerzen brennen auch auf Pudding

Max, mittlerweile 17 Jahre alt, hat seinen Jubeltag jahrelang mit Milchreis und Schokocreme zelebriert, weil er ja lange keine feste Nahrung zu sich nahm. Egal, Kerzen brennen auch auf dem Pudding. Inzwischen gibts auch bei ihm Kuchen, meistens ebenfalls schon zum Frühstück. Auch er hat im Winter Geburtstag, ein paar Wochen nach den Zwillingen, zwei Tage vor Weihnachten. Damit hat es sich dann mit den Gemeinsamkeiten aber auch schon.

Soweit ich das einschätzen kann, macht sich Max nichts aus grossen Feiern und langen Gästelisten. Für seinen Geburtstag haben wir jeweils andere Ideen gesucht, weil es uns, auch wenn er sich dazu nicht äussert, wichtig ist, seinen Tag ebenfalls zu feiern. Als er klein war, unternahmen wir einen Ausflug in den Zoo oder zum Eislaufen, gingen mit einer befreundeten Familie schwimmen oder haben Würste über dem Feuer gebraten und uns an den Flammen gefreut. In den vergangenen Jahren haben wir uns von einer Lichtershow bezaubern lassen und danach sein Lieblingsessen gekocht.

Geburtstagsfeier am Lichterfest im Zürcher Landesmuseum

Feiern im Märlitram

Max hat auf seine Weise auch Freunde, aber er zählt sie nicht auf. Oft wohnen sie auch nicht im Quartier und sind nicht in der Lage, uns selbstständig zu besuchen. So hat er meistens einfach in der Schule mit seinen Freunden gefeiert. Zweimal hatte aber auch er bisher ein aussergewöhnliches Fest: zu seinem zehnten Geburtstag durfte er sich von der Stiftung Sternschnuppe einen Wunsch erfüllen lassen und fuhr mit seiner Schulklasse, der Familie und den Grosseltern im Märlitram durch Zürich. Da Kinder in den regulä- ren Fahrten des Märlitrams von Erwachsenen nicht begleitet werden dürfen, blieb ihm das bis dato verwehrt. Allein konnten wir ihn nicht schicken, die Zwillinge waren zu jung, um für ihn zu übersetzen. Und doch stand Max immer mit leuchtenden Augen vor diesem roten Tram.

Ein paar Jahre später hatte er das Glück, bei einer Verlosung durch die Stiftung Sternschnuppe ein Geburtstagsfest geschenkt zu bekommen. Anfangs haben wir überlegt, wie wir das zu Hause, und vor allem mit wem, umsetzen könnten, bis ich irgendwann entschied, die Schule zu fragen, ob das Fest nicht bei ihnen stattfinden könnte. Auch wenn ich natürlich ein klein bisschen traurig war, das zu verpassen, so sagten die Fotos davon mehr als tausend Worte. Der Zauberer und Ballonkünstler war super, der dekorierte Singsaal hat allen Spass gemacht und der Kuchen aus der Konditorei wurde mit viel Freude gegessen.

Nun steht sie wieder an, die Geburtstagsfeier- und Weihnachtszeit. Streng ist sie, aber auch sehr, sehr schön. Meine unabhängigen Teenager geniessen sie auf ihre Weise, Max spaziert in dieser Jahreszeit besonders gerne und geniesst die Lichter in der Stadt. Ich wiederum suche mir dazwischen immer mal wieder einen ruhigen Moment, trinke Kaffee und schaue mir die Fotos von kleinen Piraten an und frage mich, wo bloss die Jahre geblieben sind.

Text und Fotos: Marianne Wüthrich

Marianne-Wüthrich

Marianne Wüthrich

Autorin und Präsidentin der Stiftung visoparents

In dieser Kolumne schreibt sie über ihren Alltag mit Max (17) und den Zwillingen
Tom und Leo (14). Ihr ältester Sohn Max ist infolge des Charge-Syndroms mehrfach behindert und hat eine Autismus-Spektrum-Störung.

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