Tom und Leo und das Kinderkriegen

Die Zwillinge sind nun acht Jahre alt. Ein durchwegs interessantes Alter, so zwischen kindlicher Naivität (siehe Christkind und Osterhase) und schon richtig viel wissen (wollen). Dazu die ganzen äusseren Einflüsse und die Tatsache, dass sie jetzt lesen können. Früher musste ich die Zeitung bei entsprechenden Bildern verdecken, jetzt werden auch Überschriften ganz genau hinterfragt. Manchmal sind die Erklärungen nicht einfach zu finden. Dennoch versuche ich, ihre Fragen ernst zu nehmen und bestmöglich zu beantworten.

 

Kinderkriegen, und neuerdings dazugehörend Sex – in ihrem Vokabular gehört dazu das Verb «sexen » –, sind immerwährende Themen, die tauchen ganz unverhofft auf, unterwegs im Tram, am Esstisch, oft ohne wirklich ersichtlichen Zusammenhang.

Je nach Alter gehen sie damit auch anders um. Als sie kleiner waren, fanden sie die Tatsache, dass sie gemeinsam in meinem Bauch schon vor ihrer Geburt gestritten haben, das Grösste. Die Geschichte, wie Mamas Bauch sich hin und her bewegte und man «Beulen» bewundern konnte, konnten sie endlos hören. Wollte ich ihnen jedoch erklären, wie sie da überhaupt rein gekommen waren, verloren sie ihr Interesse umgehend.

 

Leo wünschte sich lange sehnlichst noch ein Baby. Warum ihm das so wichtig war, habe ich nie ganz verstanden, vielleicht einfach, weil er, wenn auch nur wegen zwei Minuten, der Jüngste ist. Jedenfalls lag er mir damit oft in den Ohren, etwa so, wie andere Kinder ein Meerschweinchen wollen. Um mich zu überzeugen, zog er alle Register, wie schön das wäre und es könnte dann sein Baby sein. Selbst an mein wenig ausgeprägtes Konkurrenzdenken appellierte er, als im Kindergarten eine Stellvertretung war: An ihrem letzten Tag kamen die Zwillinge heim und erzählten, dass an diesem Morgen noch ein anderes Kind da gewesen sei. Frau K.  hatte ihr ältestes Kind mitgebracht. Ja, musste das nicht in die Schule? Nein, nein, das ist noch klein, das kommt erst im Sommer in den Kindergarten. Aber du Mama, die Frau K., die hat schon drei Kinder und noch eines im Bauch! An dieser Stelle sagte ich in ganz neutralem Ton «Ach, wie schön» und rechnete insgeheim nach, dass die Frau ja in dem Fall demnächst vier Kinder unter fünf Jahre haben wird. Beim blossen Gedanken daran wurde ich vermutlich schon blass um die Nasenspitze. Dann schoss Leo den Vogel ab: Aber du Mama, wenn das Kind von Frau K. aus dem Bauch kommt, dann hat sie ja eines mehr als wir, ich finde, dann brauchen wir schon auch noch eines.

 

Irgendwann schlug Toms Realitätssinn durch: Babys schreien und brauchen Windeln, die stinken. Und als sie das Wochenende mit einem Freund und dessen kleinem Bruder verbrachten, wurde ihnen klar: Aus Babys werden kleine Brüder, die nerven und wollen immer mitspielen. Ab sofort galt es, Babys zu verhindern. Leo meinte: Wenn ein Mann eine Frau heiratet, dann bekommen sie Babys. Na ja, kann so sein, muss aber nicht. Weil man nicht unbedingt verheiratet sein muss, zum Kinder bekommen. Aha. Aber einen Mann und eine Frau braucht es dazu? Hier stellte sich mir schon die Frage, ob ich jetzt sagen kann «im Normalfall schon» und was der Normalfall ist. Schliesslich ist die Welt voller Regenbogenfamilien, wo diese Zusammensetzung nicht so klar gegeben ist.

 

Ich beschliesse, mit der verbreitetsten Form anzufangen. Ja, es braucht einen Mann und eine Frau. Schweigen. Ob er dann vielleicht seinen Freund A. heiraten könne, will Leo wissen. Klar Schatz, du kannst auch einen Mann heiraten, wenn dir das besser passt. Na ja, weisst du Mama, dann gibt’s sicher kein Baby, weil wenn ich nackt mit einer Frau im Bett liege, dann gibt es ein Baby... Ähm, es gibt schon auch Frau-Mann-Paare, die keine Babys haben. Ja, die Grosseltern. Nicht ganz, die hatten ja mal mich als Baby. Und das Gotti lebt auch mit dem Götti zusammen, ohne Babys. Ich denke: Das ist meine Chance, ich erklär ihnen das jetzt mal und lege los. Schon bei meinen ersten Sätzen schauen sie mich entsetzt an, halten sich die Ohren zu und schreien «Wäh, Mama, behalt das für dich…!»

 

Das Aufklärungsgespräch ist also fürs erste vertagt, und mir graut davor, welch (un-)passende Situation sich meine Söhne dafür wohl aussuchen werden.

 

Marianne Wüthrich

 

  

Alltag mit Lumos

 

Um es vorweg zu nehmen: Die meist gestellte Frage der letzten Monate lautet «Und, merkt ihr schon einen Unterschied?». Oder eine Variation davon. Natürlich kann ich diese Frage verstehen, Wunder dauern aber meistens ihre Zeit. Lange haben wir auf Lumos gewartet, jetzt ist er da: gross, schwarz, unübersehbar. Wunderbar.

Ich muss hier vielleicht etwas ausholen: Für uns war von Anfang an klar, dass Max (11) einfach dazu gehört. Wir fanden nicht, dass er aufgrund seiner Mehrfachbehinderung und Autismusdiagnose separiert werden sollte. Auch wollen wir uns als Familie nicht bremsen lassen. Wir möchten nicht, dass Max‘ jüngere Brüder (Zwillinge, 8) das Gefühl haben, Dinge nicht erleben zu können, weil es Max gibt, wir möchten, dass sie Dinge erleben, gerade weil es Max gibt. Manchmal muss man Pläne anpassen oder andere Wege finden, aber es soll irgendwie für alle funktionieren.

Nun ist Max kein kleiner Kerl mehr, der im Kinderwagen sitzt und vor sich hin träumt oder die Welt beobachtet. Max ist gross, hat eigene Ideen, kann auch Unmut kundtun oder weglaufen. Max fällt aus dem Rahmen und tut sich im Alltag oft schwer. Und das hat uns auch auf den Hund gebracht. Die Frage war, wie kann unser aktives Familienleben genau so bleiben? Wie können wir Max all diese oft unübersichtlichen Situationen erleichtern? Während der Abklärungen rund um die Möglichkeit eines Autismusbegleithundes war Max eher unbeteiligt. Das entspricht seinem Wesen. Er ging auf die Hunde nie aktiv zu, wich ihnen aber auch nicht aus. Als er das erste Mal probeweise einen Gurt umgelegt bekam, guckte er interessiert.

Dann, im Februar, kam Lumos. Max begegnete ihm recht ähnlich wie seinen Brüdern, als diese auf die Welt kamen. Er schaute Lumos an, machte weiter sein Ding und kümmerte sich wenig um den Zuwachs. Gurt anziehen war kein Problem, mit Lumos am Arbeitsgeschirr laufen ging auch ganz gut. Abgesehen davon, dass Max‘ fehlendes Gleichgewichtsorgan ihn vor einige Herausforderungen stellte. Die ersten Wochen schwitzte ich Blut, bei Treppenstufen, bei Strassenüberquerungen. Und ja: Max fiel hin, mehrmals, und ärgerte sich darüber. Lumos nahm’s gelassen. Ich sagte mir «Wir bluffen uns da jetzt durch» und «Aller Anfang ist schwer...». Und ja, es gab auch Momente, da sass ich da und dachte «Wessen schwachsinnige Idee war das eigentlich?».

Bis zu dem Morgen, als Max runter kam, Lumos wie jeden Morgen eines seiner Tierli heranschleppte und Max ihm tatsächlich über den ganzen langen Rücken strich. Seit dem Tag haben die zwei ein Begrüssungsritual am Morgen. Und wenn Max sich aufregt und rumlärmt, dann verzieht sich Lumos nicht, sondern kommt und hält seine Schnauze dazu. Max wird meistens ruhiger, manchmal nehme ich seine Hände, lege sie auf Lumos‘ Nacken oder Rücken, oder ich sage einfach «Alles ist gut, schau, Lumos ist auch da». Und das ist wohl die Antwort auf die Frage vom Anfang: Merken wir einen Unterschied? Ja, Max ist ruhiger, und wenn er sich aufregt, dann beruhigt er sich schneller. Max kann mit Lumos länger neben mir stehen und ein Gespräch abwarten. Ganz allgemein: Warten mit Lumos ist viel, viel einfacher, entspannter.

So besteht der Alltag mit Lumos aus ganz vielen kleinen Erlebnissen. Besuchstag in der Schule, ich und Lumos verabschieden uns in der grossen Pause. Max hat andere Pläne: Er schnappt den Griff am Arbeitsgeschirr und zieht Lumos mit auf den Pausenplatz, ganz so, als wollte er sagen «Ich zeig dir das jetzt hier mal».

Die Zwillinge zum Fussballtraining begleiten: Ich binde Schuhe, Lumos «bewacht» Max.

Wir wandern oder sind mit dem Velo unterwegs: Lumos ist dabei (auch ohne Arbeitsgeschirr) und setzt sich wartend neben Max.

Markt mit Leos Klasse, Tierausstellung bei Tom: Lumos kommt mit und steht Max zur Seite.

Im vergangenen Jahr bekam Max neue Hörgeräte angepasst, wir hatten also mehr Termine im Unispital. Lumos war natürlich dabei. Er legte sich so nahe er konnte neben Max, auch wenn ich ihn manchmal aufforderte, etwas Abstand zu halten. Und Max? Der schaffte die Anpassungen mit viel Ausdauer und Ruhe.

Einkaufen am Samstagmorgen: Ja, wir brauchen viel Zeit, etwas mehr Platz, aber auch ohne bluffen schaffen wir das jetzt ganz geordnet.

In der Schule drückt Max auf seinem Sprachcomputer zum nach Hause gehen nicht nur «Mama», sondern auch gleich «Lumos». Und Max schreibt Zettel: «Max» steht drauf... und auch «Lumos».

Es regnet in Strömen, wir sitzen auf der gedeckten Veranda, rufen Max zu «Komm essen...». Lumos sitzt bei der Tür, Max stellt sich zu ihm, hält ihn fest, die zwei gucken uns an, als wollten sie sagen «Echt jetzt? Es regnet im Fall».

Still und leise, unauffällig, sind sie Freunde geworden und wir sind angekommen, in unserem Alltag voller kleiner Wunder.

Marianne Wüthrich

Erstmals erschienen in: «Der Blindenführhund», Bulletin der Stiftung Schweizerische Schule für Blindenführhunde 10/2017.

 

 

Warum mir Rituale am Herzen liegen

Gerade habe ich den Pflegezuschlag für Max bei der IV abgerechnet. Diesen kriegt er nun seit seinem zehnten Geburtstag. Es kommt mir etwas seltsam vor, vielleicht müsste der in unserem Fall einfach «Mehraufwand-Zuschlag» heissen? Denn wenn ich mir das überlege, so empfinde ich Max nicht als Pflegefall. Es ist mir aber auch klar, dass Aussenstehende das so sehen können: Das Kind braucht viel Hilfe bei alltäglichen Dingen, trägt noch immer Windeln, muss manchmal gefüttert werden. Alles Dinge, bei denen kranke und ältere Menschen Hilfe, meist durch Pflegepersonal, benötigen.

 

Da ich aber Max nicht als pflegebedürftig sehen will (ja ja, auch ich verdränge manchmal ganz bewusst) und ich über unsere Spitalerfahrungen schon berichtet habe, lasse ich die Krankenpflege mal beiseite. «Pflegen » bedeutet ja auch ganz allgemein, «sich sorgend um etwas kümmern », oder «etwas in gutem Zustand halten».

 

Tatsächlich pflegen wir nicht nur kranke Kinder, sondern auch unsere Haustiere, den Garten, unser Haus, Hobbies, Freundschaften, Beziehungen, Zweisamkeit, manchmal uns selbst. Und wir pflegen auch eine ganze Reihe von Traditionen, Bräuchen und Ritualen. Manche aus der Gesellschaft heraus, in der wir selbst aufgewachsen sind, manche erfindet unsere Familie für sich, einige ändern sich über die Jahre, passen sich dem Alter der Kinder an. Klar ist aber: Seit ich Kinder habe, pflege ich solche Dinge intensiver, bewusster. Und manchmal komme ich dabei auch in Erklärungsnotstand.

 

Ganz aktuell: Die Weihnachtszeit. Diese Tage wollen es die Zwillinge schon ziemlich genau wissen: Wie war das jetzt wirklich mit dem Jesuskind? Warum feiern wir Weihnachten, wenn Mama nicht sicher ist, ob es Jesus gibt? Sie sind sich allerdings schon einig, dass man das nicht zu fest in Frage stellen sollte, sonst wird es vielleicht nichts mit den Geschenken, und das wäre dann echt blöd. Aber eben: Wer bringt denn nun die Geschenke? Die Grosseltern, Gotti und Götti oder doch das Christkindli, das man nie sieht, weil es so schnell wieder weg ist? Und wieso weiss das Christkindli so genau, welche Lego es schenken soll? Vermutlich schreiben sie dieses Jahr sicherheitshalber einen Wunschzettel.

 

Auch das mit dem Samichlaus ist so eine Sache. Als sie kleiner waren, konnten wir in den Wald gehen, zum Haus vom Samichlaus. Sein Bett bewundern, in der Stube eine Geschichte hören und der Fall war klar: Natürlich gibt es den Samichlaus. Auch wenn der im Kindergarten nicht gleich aussah wie der, der beim Besuch zu Hause meinte, sie sollten mehr Salat essen. Irgendwie spielte das keine Rolle. Damit war dann letztes Jahr Schluss. Leo kam nach Hause und meinte: «Mama, ich weiss jetzt Bescheid, der Samichlaus ist nur ein verkleideter Mann.»

 

Ich seufzte innerlich und dachte, wie schade, dass dieser kindliche Glaube nun vorbei ist, und erwartete das Massensterben von Samichlaus, Christkindli, Osterhase und Zahnfee. Bevor ich etwas sagen konnte, fuhr Leo jedoch fort: «Weil weisst du, Mama, der Samichlaus bei uns in der Schule hatte keine Brille und keinen richtigen Bart, auch kein Eseli und keinen Schmutzli. Scheint’s ist das Eseli krank, aber das sagt er im Fall jedes Jahr, und der Schmutzli muss dann immer das Eseli pflegen. Aber als wir auf den Pausenplatz zurück kamen, da war da der echte Samichlaus, mit Brille, Bart und Schmutzli. Mama, wieso war bei uns nur ein verkleideter Mann?»

 

Aha, also doch nicht alle Illusionen weg ... Schnell, was sag ich jetzt bloss? Weil der Samichlaus Verstärkung braucht? Es gibt einfach zu viele Kinder, die ihn alle an den gleichen paar Tagen im Jahr sehen möchten, darum hat er ein paar gute Freunde angefragt, die aushelfen. Letztes Jahr hat das noch funktioniert. Ich vermute allerdings, wenn Sie diese Zeilen lesen, ist damit Schluss. Die Zahnfee ist quasi schon aufgeflogen, hat sie doch die gleiche Handschrift wie ich.

 

Der Osterhase steht auch unter Verdacht, weil: Wieso war ich denn so früh am Morgen schon im Garten? Tom ist sich zudem sicher, dass er genau die Schoggihasen im Keller gesehen hat, ein paar Tage zuvor, die dann im Garten versteckt waren. Auch ging die Sache mit den Eiern logisch betrachtet nicht ganz auf: Warum sollen wir Eier färben, wenn die doch der Hase bringt?

 

Gute Fragen stellen sie, meine Kinder. Ich wäge ab, bleibe manchmal vage, weil ich so gerne noch ein wenig an den Ritualen der Kindertage festhalten möchte, doch wissend, dass schon nächstes Jahr andere Dinge wichtig sein werden, und darauf hoffend, dass sich auch daraus schöne, neue, eigene Bräuche ergeben, die wir dann wieder eine Zeitlang sorgsam pflegen können. Weil sie, so hoffe ich, allen Freude bereiten. Und weil gemeinsam erlebte Freude ganz nebenbei auch die Familienbande «in gutem Zustand» hält.

 

Marianne Wüthrich

 

  

Jeden Tag ein Stück selbstständiger

Diese Tage an unserem Esstisch.

Ich: Ich sollte noch den Text fürs nächste imago schreiben.

Er: Ah, zu welchem Thema?

Ich: Loslassen. Gar nicht so einfach. Ich denke, ich schreib was über die ganzen Alltagssituationen, wo wir die Kinder loslassen, und ein paar Gedanken darüber, wenn sie dann ausfliegen, auch wie das bei Max werden kann.

Er: Tönt gut.

Tom: Aber Mama, das geht ja noch ewig, bis wir hier weggehen, mindestensso zwanzig Jahre.

Er: Wohl eher zehn...

Leo: Ne, sicher nicht. Also, das ist voll doof.

Er: Na ja, ihr müsst ja dann auch mal einen Beruf lernen oder studieren gehen.

Leo: Ja, und? Ich bleibe trotzdem hier, Onkel Peter wohnt schliesslich auch noch bei Oma, und der ist viel älter!

Ich, grinsend: Ah, so kann man es auch sehen... (Mein Schwager(53) hat nach dem frühen Tod des Vaters den Bauernhof der Familie übernommen, und ja, Oma wohnt auch dort, wenn auch in einer eigenen Wohnung.)

Aber jetzt mal im Ernst: Es ist ja wirklich so eine Sache mit diesem Loslassen. Davon hat mir während der ersten Schwangerschaft keiner was erzählt. Ich ging da ganz ernsthaft davon aus, dass man Kinder hat zum Festhalten. Natürlich unterstützt man sie, zeigt ihnen Neues und versucht, sie zu selbstständigen Menschen zu erziehen.

Tatsache ist: Kinderhaben ist der totale Crash-Kurs im Loslassen. Max hat da natürlich auch einen Wahnsinnsstart hingelegt. Schwerer Herzfehler, schon in den ersten Stunden statt kuscheln Verlegung ins Kinderspital. So nahm das seinen Lauf. Max im Kinderspital Abend für Abend loslassen,zurück lassen. Für Eingriffe zur Narkose ein Stück begleiten, ein Loslassen, dass ich bis heute nicht wirklich hinbekomme und gerne Max‘Vater überlasse (danke!).

Nach dem ruppigen Start war schnell klar, dass das längst nicht alles war. Max wollte nicht im Tragtuch oder auf dem Arm gehalten werden. Auch sonst im Alltag lassen wir unsere Kinder eigentlich dauernd los. Jede Mutter kennt das: Das erste Mal ohne Baby weg. Oder auch wieder zur Arbeit.Das Kind bleibt bei Grosseltern, Nanny, in der Kita. Loslassen pur.Wir vertrauen darauf, dass es ihnen auch ohne uns gut geht. Lassen sie los. Immer wieder. So ein Ausflug auf den Kinderspielplatz: Intensivtraining! «Mama, ich klettere da jetzt hoch!» Ich kann kaum hinsehen. Will festhalten und muss loslassen. Bin hin- und hergerissen zwischen Stolz und Schiss.

Und eigentlich zieht sich das wie ein roter Faden durch das Leben mit Kindern. Die ersten Schritte, Wege, die sie allein zurücklegen, zu Freunden, zum Kindergarten, am Kindersechseläuten-Umzug, ganz ohne uns, Schul- und Ferienlager, auf der Achterbahn, ins Fussballtraining, Fahrrad fahren, schwimmen ohne Flügeli. Jeden Tag gehen sie ein grösseres Stück ohne uns. Ich stehe da, schau ihnen nach, bin stolz und denk manchmal «wenn das mal gut geht» und lass los.Bei Max ist das nicht wirklich anders. Vielleicht bin ich mir sogar noch viel bewusster, dass ich loslassen muss. Als Baby und Kleinkind war er oft so untergewichtig, dass wirklich jeder Löffel zählte. Noch immer hat er nicht zu viel auf den Rippen, aber eigentlich ist es in Ordnung, wenn er nicht frühstücken will, er kann und soll das selber entscheiden. Und ich? Ich lass den Löffel los.

Seit ein paar Monaten werden Max und ich von Autismusbegleithund Lumos unterstützt. Statt meiner Hand hält Max nun Lumos‘ Arbeitsgeschirr fest.Das war anfangs gar nicht so einfach, Max fiel auch mal hin, ich schwitzte bei jeder Treppe, jedem Absatz auf unseren Wegen. Heute halte ich zwar die Hundeleine, aber ich weiss, die beiden schaffen das. Und ich bin stolz darauf, dass ich das Loslassen einmal mehr geschafft habe. Schwierig ist es immer dann, wenn ich nicht sicher bin, ob es ihm in seinem Leben ohne mich gut geht. Er kann nicht erzählen, ich kann höchstens beobachten, versuchen, seine Gefühle einzuschätzen. Und doch wird auch er in ein paar Jahren seinen eigenen Lebensraum finden müssen. Wir werden begleiten, helfen, unterstützen, überlegen, was es braucht. Und loslassen. Auch wenn ich manchmal nachts neben ihm liege, wenn er wieder nicht schlafen kann und für mich denke: «Das geht doch gar nicht, wer soll denn dann mit ihm wachen?»

Gut, dass das noch ein paar Jahre dauert, wenn auch keine zwanzig. Bis dahin werden wir ganz viel üben, damit wir dieses Loslassen auch dann hinkriegen, wenn wir lieber festhalten würden, wenn sie Wege einschlagen, die wir nicht so toll finden. Darauf hoffend, dass sie gerne dann und wann zurückkommen.

Marianne Wüthrich

 

 

Nicht ohne meinen Pürierstab

Einmal mehr erwische ich mich beim Gedanken, dass mein Muttersein viel mit Idealvorstellungen und Illusionen zu tun hat. Ich sehe dieses idyllische Bild vor mir: Die Familie sitzt um den Tisch, alle sind fröhlich, allen schmeckt‘s. Super!

Die Realität ist dann leider meistens eine andere und kein Werbefilm. Leo und Tom essen genau so, wie man das von vielen Kindern hört: Was sie heute zum Lieblingsessen erklären, finden sie morgen eklig. Was der eine mag, schmeckt dem anderen nicht. Und das wird immer laut kundgetan, auch unter Tränen. Da kann ein glückliches Kind zur Tür reinkommen, anstelle von «Hallo, wie geht es dir?» kommt «Was gibt’s zum Essen?» – und je nach Antwort ist die gute Laune dann dahin.

Ehrlich: Wir probieren immer wieder alles Mögliche auf den Tisch zu bringen oder sie im Restaurant auch dazu zu bewegen, mal etwas Aussergewöhnliches zu essen. Aber würde es nach ihnen gehen, gäbe es «Chez Mama» siebenmal die Woche Teigwaren, vielleicht noch in Variationen. Schon bei Wähe gehen die Meinungen auseinander: Früchte für Fritz, Leo will lieber Käse und Tom isst nur Spinat. Selten überraschen sie mich und essen tatsächlich Fisch, nicht in Stäbchen-Form, oder probieren etwas Neues ganz ohne Widerrede. Auch das eigene (Kinder-) Kochbuch und der Vorschlag, sie sollen doch selbst kochen, denn nur so könnten sie auch mitbestimmen, stiessen auf wenig Begeisterung. Essen bleibt ein Drahtseilakt. Als sie noch in die Krippe gingen, assen sie scheint’s sogar Salat. Ich habe dies nie miterlebt, und auch mehrjähriges Anmahnen durch den Samichlaus hat sie nicht zu Salatessern gemacht.

Wenn man nun denkt: Alles halb so wild, der normale (Familientisch)- Wahnsinn eben, so hat man Max noch nicht miteingerechnet. Der isst so ziemlich alles, ist kaum wählerisch, sofern das Essen die richtige Konsistenz hat. Für Max muss nämlich alles löffelbar sein, also in Form von Brei daherkommen. Es gab tatsächlich eine Zeit, da konnte man bei uns einfach einen grossen Teller Gemüsebrei auf den Tisch stellen, drei Löffel dazugeben und reihum wie bei Vögelchen Löffelchen in die Münder stopfen. Nun ist Max schon gross und sowieso können einen irgendwelche langweiligen Gemüsebreie auf Dauer nicht glücklich machen. Daher gilt bei uns «Nicht ohne meinen Pürierstab», bei Bedarf kann man auch Pizza pürieren. Wenn man so viele Jahre Nahrung püriert, kriegt man Erfahrung, man weiss, was gut und schnell geht, wo’s mehr Flüssigkeit braucht. Man wird auch recht gelassen, wenn man mal in ein Restaurant geht und weiss: Es gibt Köche, die laufen zur Höchstform auf, andere wollen einem wirklich ernsthaft weismachen, dass ihre Küche über keinen Pürierstab verfügt. Für uns gilt: Im Zweifelsfall Brei von zu Hause mitnehmen.

Auch wenn Max dann seinen Brei hat, der oft aus dem besteht, was auch bei uns auf dem Teller ist, so ist er am Tisch längst nicht nur glücklich. Seine Löfflerei braucht Zeit und Ausdauer und geht nicht immer selbstständig. Auch findet er Essen nur wenig spannend, es ist für ihn kaum mehr als ein notwendiges Übel. Er könnte gut auch ohne... Ist er müde oder wurde er gerade erst geweckt, schafft er es kaum, ein paar Löffel reinzubekommen, dann sitzt er nur da und träumt vor sich hin oder beschwert sich. So gehören nebst dem Gezanke und Gemotze der Zwillinge auch Stampfen, auf den Tisch Schlagen und Rumschreien zur Geräuschkulisse. Und trotzdem halte ich mit meiner Familie daran fest: Mindestens einmal am Tag sind wir alle gemeinsam am Tisch. Auch wenn uns diese gemeinsamen Esszeiten oft an den Rand bringen und wir sehr weit weg vom Ideal sind.

Und ja: Manchmal steh’ ich in der Küche und denke «Warum tu ich mir das an?». Wenn ich dann aber feststelle, dass die Kinder schneller und schneller selbstständig werden, wird mir klar, dass diese Zeit am Tisch wohl in nicht so ferner Zukunft der einzige Moment am Tag sein wird, an dem sie mir hoffentlich noch erzählen, was sie bewegt.

Marianne Wüthrich

  

Schulwahl: Glücklich im zweiten Anlauf

Max war drei, vier Jahre alt, als das Thema Schule aufkam. Vielleicht war ich damals naiv, jedenfalls dachte ich, wir haben ja Schulpflicht, folglich muss auch für jedes Kind ein Schulplatz vorhanden sein. Dass das bei Kindern wie Max anders sein könnte, kam mir nicht in den Sinn. Eine Therapeutin meinte, wir müssten uns damit schon auseinandersetzen, sonst bekämen wir dann den Wunschplatz nicht mehr.

Wir hatten Max‘ Einschulung ein Jahr zurückstellen lassen, so hatten wir noch etwas Zeit. Aber wie weiss man bei diesen speziellen Kindern, was richtig ist? Da kamen Themen auf wie selbstständig die Treppe raufkommen und wie lange soll der Schulweg sein, im Taxi, im Bus, zu Fuss? Welche Hort-Angebote gibt es? Ich fühlte mich ziemlich überfordert, weil eine Prognose ja schlicht unmöglich war und die Entscheidung ausschliesslich bei uns lag. Würde Max mit sechs selbstständig gehen können? Was würde in den Jahren bis zum Schuleintritt noch passieren mit unserer Wundertüte?
Klar war: Wir wollten nicht, dass unser Kind zwei oder mehr Stunden am Tag in einem Schulbus verbringen musste. Damit war die Auswahl schon eingeschränkt. Was ich rückblickend auch noch mehr gewichten würde, ist der Ferienkalender. Schulferien stimmen nicht im ganzen Kanton überein. Hat man mehre Kinder im schulpflichtigen Alter, kann das eine ziemliche Herausforderung werden. Nach einigen Terminen mit Schulen blieben zwei übrig, die in Frage kamen. Schlussendlich dachten wir, dass Max in einer kleinen Schule mit Ganztagsbetreuung besser aufgehoben ist, so dass nicht auf jeder Stufe ein Ortswechsel Thema werden könnte. Zumal die private Institution durchaus Bereitschaft für Teilintegrationen und Zusammenarbeit mit der Regelschule signalisierte.


So wurde Max im Sommer 2012 eingeschult. In der Zwischenzeit hatte er selbstständig laufen gelernt, bewegte sich gern und viel und hatte auch sonst tolle Fortschritte gemacht. Wir waren guten Mutes und freuten uns auf diesen neuen Lebensabschnitt. Schon nach kurzer Zeit jedoch liess Max anfängliche Motivation stark nach. In den Schulbus einsteigen erwies sich als immer schwieriger. Ich fragte mich, ob ich einfach noch nicht loslassen konnte, ob ich die Situation falsch interpretierte. Gleichzeitig hatte ich dieses unausgeglichene, unglückliche Kind zu Hause, das auch nach einem ganzen Tag Schule am liebsten nur raus und laufen wollte. Einen Pausenplatz gab es in der Schule nicht, rausgehen nur selten. Die Zusammenarbeit und vermutlich auch die jeweilige Erwartungshaltung zwischen Schule und Eltern gestaltete sich immer schwieriger. Ich ertappte mich dabei, dass ich ausrechnete, wie viele Schuljahre uns noch bevorstünden.


Im zweiten Schuljahr schafften wir es mit viel Aufwand und Hartnäckigkeit, dass Max pro Woche sechs Lektionen den Regelkindergarten in unserem Quartier besuchen konnte. Max war glücklicher, ausgeglichener, es gab Waldvormittage und einen Schulweg, den er zu Fuss gehen durfte. Schliesslich suchten wir das Gespräch mit der Heilpädagogischen Schule Zürich, die in unserem Quartierschulhaus je Stufe eine Klasse führt. Da Max nicht lautsprachlich kommuniziert und auch über sein iPad eher zurückhaltend ist, war klar, dass eine weiterführende schulische Integration nicht sinnvoll war. Gleichzeitig war uns wichtig, dass Max auch in seinem Schulalltag mit «normalen» Kindern in Berührung kommt. Klar, wir integrieren Max in seiner Freizeit, ganz automatisch, weil er einfach überall dabei ist. Integration ist für uns eine Lebenshaltung, und Schule ist nur ein Teil vom Leben. Trotzdem sind wir froh, dass Max nun schon im dritten Jahr die HPS in «unserem» Schulhaus besucht, hochmotiviert jeden Morgen losläuft und mit meiner Begleitung einen Schulweg hat wie alle anderen auch. Wir treffen Nachbarskinder, merken, ob es regnet oder schneit. Integration ist, wenn Max entscheidet, dass er den Schulweg heute mal rückwärts gehen will und plötzlich drei gleichaltrige Jungs neben mir auftauchen, die mich fragen «Warum geht Max rückwärts?» und im nächsten Moment gehen vier Jungs nebeneinander rückwärts ein Stück des Weges. Integration ist, wenn Kinder, die ich nicht kenne, Max grüssen oder wenn seine Brüder, die nach dem Kindergarten seit dem Sommer im gleichen Schulhaus die erste Klasse besuchen, Max am Sporttag zuwinken und andere erzählen, dass sie mit Max Weihnachtsguetzli gebacken haben. Integration ist, wenn Max beim Schlitteln unten von Kindern aus dem Quartier gebremst wird, damit er nicht im Baum landet. Integration ist, wenn Max auf dem Schulhausplatz Fangis spielt.


Zwischenzeitlich steht für mich fest, dass eine Integration in einer Regelklasse durchaus eine Möglichkeit ist. Viel wichtiger finde ich aber, dass sich Schulen Örtlichkeiten teilen, dass die «besonderen» Kinder nicht irgendwo abgeschottet für sich sind. Davon, dass sie in öffentlichen Schulhäusern ein- und ausgehen, profitiert auch unsere Gesellschaft. Schüler, die auch die Max‘ dieser Welt sehen, akzeptieren Menschen die anders sind, leichter.

Dieser Tage habe ich die Zwillinge zum Fussballtraining gebracht. In ein anderes Schulhaus, mit Kindern aus unterschiedlichen Schulen. Max hat lautstark kundgetan, dass er jetzt genug rumgestanden ist und gewartet hat. Es war ziemlich offensichtlich, welche Schüler vermutlich keine HPS-Klasse an ihrer Schule integriert haben.

 

Marianne Wüthrich