Schulwahl: Glücklich im zweiten Anlauf

Max war drei, vier Jahre alt, als das Thema Schule aufkam. Vielleicht war ich damals naiv, jedenfalls dachte ich, wir haben ja Schulpflicht, folglich muss auch für jedes Kind ein Schulplatz vorhanden sein. Dass das bei Kindern wie Max anders sein könnte, kam mir nicht in den Sinn. Eine Therapeutin meinte, wir müssten uns damit schon auseinandersetzen, sonst bekämen wir dann den Wunschplatz nicht mehr.

Wir hatten Max‘ Einschulung ein Jahr zurückstellen lassen, so hatten wir noch etwas Zeit. Aber wie weiss man bei diesen speziellen Kindern, was richtig ist? Da kamen Themen auf wie selbstständig die Treppe raufkommen und wie lange soll der Schulweg sein, im Taxi, im Bus, zu Fuss? Welche Hort-Angebote gibt es? Ich fühlte mich ziemlich überfordert, weil eine Prognose ja schlicht unmöglich war und die Entscheidung ausschliesslich bei uns lag. Würde Max mit sechs selbstständig gehen können? Was würde in den Jahren bis zum Schuleintritt noch passieren mit unserer Wundertüte?
Klar war: Wir wollten nicht, dass unser Kind zwei oder mehr Stunden am Tag in einem Schulbus verbringen musste. Damit war die Auswahl schon eingeschränkt. Was ich rückblickend auch noch mehr gewichten würde, ist der Ferienkalender. Schulferien stimmen nicht im ganzen Kanton überein. Hat man mehre Kinder im schulpflichtigen Alter, kann das eine ziemliche Herausforderung werden. Nach einigen Terminen mit Schulen blieben zwei übrig, die in Frage kamen. Schlussendlich dachten wir, dass Max in einer kleinen Schule mit Ganztagsbetreuung besser aufgehoben ist, so dass nicht auf jeder Stufe ein Ortswechsel Thema werden könnte. Zumal die private Institution durchaus Bereitschaft für Teilintegrationen und Zusammenarbeit mit der Regelschule signalisierte.


So wurde Max im Sommer 2012 eingeschult. In der Zwischenzeit hatte er selbstständig laufen gelernt, bewegte sich gern und viel und hatte auch sonst tolle Fortschritte gemacht. Wir waren guten Mutes und freuten uns auf diesen neuen Lebensabschnitt. Schon nach kurzer Zeit jedoch liess Max anfängliche Motivation stark nach. In den Schulbus einsteigen erwies sich als immer schwieriger. Ich fragte mich, ob ich einfach noch nicht loslassen konnte, ob ich die Situation falsch interpretierte. Gleichzeitig hatte ich dieses unausgeglichene, unglückliche Kind zu Hause, das auch nach einem ganzen Tag Schule am liebsten nur raus und laufen wollte. Einen Pausenplatz gab es in der Schule nicht, rausgehen nur selten. Die Zusammenarbeit und vermutlich auch die jeweilige Erwartungshaltung zwischen Schule und Eltern gestaltete sich immer schwieriger. Ich ertappte mich dabei, dass ich ausrechnete, wie viele Schuljahre uns noch bevorstünden.


Im zweiten Schuljahr schafften wir es mit viel Aufwand und Hartnäckigkeit, dass Max pro Woche sechs Lektionen den Regelkindergarten in unserem Quartier besuchen konnte. Max war glücklicher, ausgeglichener, es gab Waldvormittage und einen Schulweg, den er zu Fuss gehen durfte. Schliesslich suchten wir das Gespräch mit der Heilpädagogischen Schule Zürich, die in unserem Quartierschulhaus je Stufe eine Klasse führt. Da Max nicht lautsprachlich kommuniziert und auch über sein iPad eher zurückhaltend ist, war klar, dass eine weiterführende schulische Integration nicht sinnvoll war. Gleichzeitig war uns wichtig, dass Max auch in seinem Schulalltag mit «normalen» Kindern in Berührung kommt. Klar, wir integrieren Max in seiner Freizeit, ganz automatisch, weil er einfach überall dabei ist. Integration ist für uns eine Lebenshaltung, und Schule ist nur ein Teil vom Leben. Trotzdem sind wir froh, dass Max nun schon im dritten Jahr die HPS in «unserem» Schulhaus besucht, hochmotiviert jeden Morgen losläuft und mit meiner Begleitung einen Schulweg hat wie alle anderen auch. Wir treffen Nachbarskinder, merken, ob es regnet oder schneit. Integration ist, wenn Max entscheidet, dass er den Schulweg heute mal rückwärts gehen will und plötzlich drei gleichaltrige Jungs neben mir auftauchen, die mich fragen «Warum geht Max rückwärts?» und im nächsten Moment gehen vier Jungs nebeneinander rückwärts ein Stück des Weges. Integration ist, wenn Kinder, die ich nicht kenne, Max grüssen oder wenn seine Brüder, die nach dem Kindergarten seit dem Sommer im gleichen Schulhaus die erste Klasse besuchen, Max am Sporttag zuwinken und andere erzählen, dass sie mit Max Weihnachtsguetzli gebacken haben. Integration ist, wenn Max beim Schlitteln unten von Kindern aus dem Quartier gebremst wird, damit er nicht im Baum landet. Integration ist, wenn Max auf dem Schulhausplatz Fangis spielt.


Zwischenzeitlich steht für mich fest, dass eine Integration in einer Regelklasse durchaus eine Möglichkeit ist. Viel wichtiger finde ich aber, dass sich Schulen Örtlichkeiten teilen, dass die «besonderen» Kinder nicht irgendwo abgeschottet für sich sind. Davon, dass sie in öffentlichen Schulhäusern ein- und ausgehen, profitiert auch unsere Gesellschaft. Schüler, die auch die Max‘ dieser Welt sehen, akzeptieren Menschen die anders sind, leichter.

Dieser Tage habe ich die Zwillinge zum Fussballtraining gebracht. In ein anderes Schulhaus, mit Kindern aus unterschiedlichen Schulen. Max hat lautstark kundgetan, dass er jetzt genug rumgestanden ist und gewartet hat. Es war ziemlich offensichtlich, welche Schüler vermutlich keine HPS-Klasse an ihrer Schule integriert haben.

 

Marianne Wüthrich