Vom Einstecken und Austeilen

Max teilt aus... manchmal wirklich heftig. Und weil er mittlerweile neun Jahre alt ist, kommt eine geballte Ladung an Kraft. Von wegen zartes Kind. Die Grossmutter kann ein Lied davon singen, was passiert, wenn Max die Glaskaraffe vom Tisch fegt, und der Grossvater hat schon mehrere Schranktüren geflickt, weil Max diese eingetreten hat. Max tritt, wenn wir ihn nicht verstehen, wenn er uns braucht oder eben nicht, wenn etwas nicht nach seinem Kopf geht, wenn er müde, frustriert oder eifersüchtig ist. Ich kann ahnungslos neben ihm zur Schule gehen und zack, hab ich eins vors Schienbein gekriegt. Danke Max!Wenn ich dann schimpfe und klar signalisiere, dass ich das nicht mag und mir das weh tut, taucht garantiert aus dem Nichts eine ältere Passantin auf und meint «Ach, jetzt seien Sie mal nicht so, der arme Kerl...»Wie also kann man dem Kind erklären,dass Gewalt keine Lösung ist, dass es seine Agressionen anders ausleben muss? Beine festhalten, ausweichen, Signale setzen, Max immer wieder klar machen, dass er die Boxsäule traktieren soll statt mich... Ihn beschäftigen, bewegen, unterhalten. Ihn fördern,dass er andere Kommunikationsmöglichkeiten entwickeln kann.
Max macht sich mit der unfreundlichen Art der Kontaktaufnahme das Leben wirklich schwer. Es kommt einfach nicht gut an, wenn einer auf dem Pausenplatz um sich tritt, oder noch besser: zu irgendeinem Kind hingeht und es kickt. Das Kind reagiert natürlich total geschockt, und Max macht in wenigen Minuten alle unsere Integrationsbemühungen zunichte. Einige Kinder haben Angst vor ihm und machen einen grossen Bogen um ihn. Oft verzeihen sie ihm zum Glück und fragen, warum er denn tritt. Ich schlage ihnen jeweils ein Experiment vor: Probiert mal, zu Hause eine halbe Stunde lang nicht zu sprechen und schaut, ob dann um euch herum alle merken, was ihr mitteilen wollt, ob das Richtige auf eurem Teller landet, ihr kriegt, was ihr braucht. Und dann stellt euch vor, ihr lebt den ganzen Tag so, darauf angewiesen, dass die Menschen um euch herum merken, was ihr möchtet und wie es euch geht. Das muss wirklich unendlich frustrierend sein.
Nun gibt es aber in unserer Familie nicht nur Max und uns Eltern, die natürlich immer versuchen, emotionslos und erwachsen zu reagieren, und die die eigenen blauen Flecken mit einer Portion Humor erklären, sondern eben auch noch die Zwillinge. Wie die meisten Eltern wollen wir nicht, dass unsere Kinder schlagen und beissen. Wie die meisten Eltern sagen wir: Gewalt ist keine Lösung, schlag ein Kissen oder die Boxsäule, wenn’s rausmuss, geh in dein Zimmer und schrei die Wände an. Allerdings fühl ich mich als Mutter dann auch ziemlich hilflos, wenn einer dasteht und sagt: Max hat mich getreten, Mama, warum darf der das und ich nicht? Kann ich meine sogenannt normalen Kinder davon abhalten, ihr behindertes Geschwister zu schlagen – sich zu wehren? Soll ich sie überhaupt davon abhalten?Wieviel handgreifliche Auseinandersetzung brauchen drei Jungs?
Und weil ich mir als Mutter natürlich (fast) immer um alle meine drei Kinder Gedanken mache, fand ich mich dieser Tage in einer Ringvorlesung wieder. Das Thema: Geschwister von Kindern mit einer Behinderung. Gleich zu Anfang kam die Aufforderung, dass wir uns doch zu Wort melden sollen, wenn wir eigene Erfahrungen einbringen möchten. Ich tendiere eher dazu, solche Vorträge anzuhören und mir meine eigenen Gedanken zu machen, als mich gleich ins Rampenlicht zu stellen. Gelang mir ganz gut, bis die Risiko-Liste kam. Geschwister leiden darunter, dass sie Rivalität und damit verbunden auch Agressionen gebenüber dem behinderten Kind nicht ausleben können. Weil sich das eben «nicht gehört», weil sich das andere Kind nicht wehren kann, nicht versteht, warum es schlimm ist, wenn es seine Geschwister schlägt.
Hm. Da sass ich nun und konnte den Mund nicht halten: Also, wir haben unseren Zwillingen zwischenzeitlich erklärt, dass sie durchaus zurückschlagen dürfen. Wir haben quasi zur Gewalt aufgerufen, nicht immer und einfach blind, aber dann, wenn klar ist, dass Max sehr wohl absichtlich getreten hat, weil es ihm grad nicht passt, oder dann, wenn er im Auto wahllos austeilt, dann dürfen sich die anderen zur Wehr setzen. Natürlich haben wir ihnen auch klargemacht, dass das kein Freibrief ist, Max zusammenzuhauen oder sonst zu quälen. Und interessanterweise gehen sie nie mit geballter Kraft auf ihn los. Aber sie lassen sich in der Garderobe am Morgen auch nicht einfach schubsen oder schlagen, wenn er Platz braucht. Die Dozentin zog die Augenbrauen hoch, meinte etwas gezwungen «Ah, ja so kann man es auch machen», und die Blicke waren insgesamt recht überrascht.
Unnötig zu erwähnen, dass ich dem anschliessenden Apéro fernblieb...

Marianne Wüthrich