Nicht ohne meinen Pürierstab

Einmal mehr erwische ich mich beim Gedanken, dass mein Muttersein viel mit Idealvorstellungen und Illusionen zu tun hat. Ich sehe dieses idyllische Bild vor mir: Die Familie sitzt um den Tisch, alle sind fröhlich, allen schmeckt‘s. Super!

Die Realität ist dann leider meistens eine andere und kein Werbefilm. Leo und Tom essen genau so, wie man das von vielen Kindern hört: Was sie heute zum Lieblingsessen erklären, finden sie morgen eklig. Was der eine mag, schmeckt dem anderen nicht. Und das wird immer laut kundgetan, auch unter Tränen. Da kann ein glückliches Kind zur Tür reinkommen, anstelle von «Hallo, wie geht es dir?» kommt «Was gibt’s zum Essen?» – und je nach Antwort ist die gute Laune dann dahin.

Ehrlich: Wir probieren immer wieder alles Mögliche auf den Tisch zu bringen oder sie im Restaurant auch dazu zu bewegen, mal etwas Aussergewöhnliches zu essen. Aber würde es nach ihnen gehen, gäbe es «Chez Mama» siebenmal die Woche Teigwaren, vielleicht noch in Variationen. Schon bei Wähe gehen die Meinungen auseinander: Früchte für Fritz, Leo will lieber Käse und Tom isst nur Spinat. Selten überraschen sie mich und essen tatsächlich Fisch, nicht in Stäbchen-Form, oder probieren etwas Neues ganz ohne Widerrede. Auch das eigene (Kinder-) Kochbuch und der Vorschlag, sie sollen doch selbst kochen, denn nur so könnten sie auch mitbestimmen, stiessen auf wenig Begeisterung. Essen bleibt ein Drahtseilakt. Als sie noch in die Krippe gingen, assen sie scheint’s sogar Salat. Ich habe dies nie miterlebt, und auch mehrjähriges Anmahnen durch den Samichlaus hat sie nicht zu Salatessern gemacht.

Wenn man nun denkt: Alles halb so wild, der normale (Familientisch)- Wahnsinn eben, so hat man Max noch nicht miteingerechnet. Der isst so ziemlich alles, ist kaum wählerisch, sofern das Essen die richtige Konsistenz hat. Für Max muss nämlich alles löffelbar sein, also in Form von Brei daherkommen. Es gab tatsächlich eine Zeit, da konnte man bei uns einfach einen grossen Teller Gemüsebrei auf den Tisch stellen, drei Löffel dazugeben und reihum wie bei Vögelchen Löffelchen in die Münder stopfen. Nun ist Max schon gross und sowieso können einen irgendwelche langweiligen Gemüsebreie auf Dauer nicht glücklich machen. Daher gilt bei uns «Nicht ohne meinen Pürierstab», bei Bedarf kann man auch Pizza pürieren. Wenn man so viele Jahre Nahrung püriert, kriegt man Erfahrung, man weiss, was gut und schnell geht, wo’s mehr Flüssigkeit braucht. Man wird auch recht gelassen, wenn man mal in ein Restaurant geht und weiss: Es gibt Köche, die laufen zur Höchstform auf, andere wollen einem wirklich ernsthaft weismachen, dass ihre Küche über keinen Pürierstab verfügt. Für uns gilt: Im Zweifelsfall Brei von zu Hause mitnehmen.

Auch wenn Max dann seinen Brei hat, der oft aus dem besteht, was auch bei uns auf dem Teller ist, so ist er am Tisch längst nicht nur glücklich. Seine Löfflerei braucht Zeit und Ausdauer und geht nicht immer selbstständig. Auch findet er Essen nur wenig spannend, es ist für ihn kaum mehr als ein notwendiges Übel. Er könnte gut auch ohne... Ist er müde oder wurde er gerade erst geweckt, schafft er es kaum, ein paar Löffel reinzubekommen, dann sitzt er nur da und träumt vor sich hin oder beschwert sich. So gehören nebst dem Gezanke und Gemotze der Zwillinge auch Stampfen, auf den Tisch Schlagen und Rumschreien zur Geräuschkulisse. Und trotzdem halte ich mit meiner Familie daran fest: Mindestens einmal am Tag sind wir alle gemeinsam am Tisch. Auch wenn uns diese gemeinsamen Esszeiten oft an den Rand bringen und wir sehr weit weg vom Ideal sind.

Und ja: Manchmal steh’ ich in der Küche und denke «Warum tu ich mir das an?». Wenn ich dann aber feststelle, dass die Kinder schneller und schneller selbstständig werden, wird mir klar, dass diese Zeit am Tisch wohl in nicht so ferner Zukunft der einzige Moment am Tag sein wird, an dem sie mir hoffentlich noch erzählen, was sie bewegt.

Schulwahl: Glücklich im zweiten Anlauf

Max war drei, vier Jahre alt, als das Thema Schule aufkam. Vielleicht war ich damals naiv, jedenfalls dachte ich, wir haben ja Schulpflicht, folglich muss auch für jedes Kind ein Schulplatz vorhanden sein. Dass das bei Kindern wie Max anders sein könnte, kam mir nicht in den Sinn. Eine Therapeutin meinte, wir müssten uns damit schon auseinandersetzen, sonst bekämen wir dann den Wunschplatz nicht mehr.

Wir hatten Max‘ Einschulung ein Jahr zurückstellen lassen, so hatten wir noch etwas Zeit. Aber wie weiss man bei diesen speziellen Kindern, was richtig ist? Da kamen Themen auf wie selbstständig die Treppe raufkommen und wie lange soll der Schulweg sein, im Taxi, im Bus, zu Fuss? Welche Hort-Angebote gibt es? Ich fühlte mich ziemlich überfordert, weil eine Prognose ja schlicht unmöglich war und die Entscheidung ausschliesslich bei uns lag. Würde Max mit sechs selbstständig gehen können? Was würde in den Jahren bis zum Schuleintritt noch passieren mit unserer Wundertüte?
Klar war: Wir wollten nicht, dass unser Kind zwei oder mehr Stunden am Tag in einem Schulbus verbringen musste. Damit war die Auswahl schon eingeschränkt. Was ich rückblickend auch noch mehr gewichten würde, ist der Ferienkalender. Schulferien stimmen nicht im ganzen Kanton überein. Hat man mehre Kinder im schulpflichtigen Alter, kann das eine ziemliche Herausforderung werden. Nach einigen Terminen mit Schulen blieben zwei übrig, die in Frage kamen. Schlussendlich dachten wir, dass Max in einer kleinen Schule mit Ganztagsbetreuung besser aufgehoben ist, so dass nicht auf jeder Stufe ein Ortswechsel Thema werden könnte. Zumal die private Institution durchaus Bereitschaft für Teilintegrationen und Zusammenarbeit mit der Regelschule signalisierte.


So wurde Max im Sommer 2012 eingeschult. In der Zwischenzeit hatte er selbstständig laufen gelernt, bewegte sich gern und viel und hatte auch sonst tolle Fortschritte gemacht. Wir waren guten Mutes und freuten uns auf diesen neuen Lebensabschnitt. Schon nach kurzer Zeit jedoch liess Max anfängliche Motivation stark nach. In den Schulbus einsteigen erwies sich als immer schwieriger. Ich fragte mich, ob ich einfach noch nicht loslassen konnte, ob ich die Situation falsch interpretierte. Gleichzeitig hatte ich dieses unausgeglichene, unglückliche Kind zu Hause, das auch nach einem ganzen Tag Schule am liebsten nur raus und laufen wollte. Einen Pausenplatz gab es in der Schule nicht, rausgehen nur selten. Die Zusammenarbeit und vermutlich auch die jeweilige Erwartungshaltung zwischen Schule und Eltern gestaltete sich immer schwieriger. Ich ertappte mich dabei, dass ich ausrechnete, wie viele Schuljahre uns noch bevorstünden.


Im zweiten Schuljahr schafften wir es mit viel Aufwand und Hartnäckigkeit, dass Max pro Woche sechs Lektionen den Regelkindergarten in unserem Quartier besuchen konnte. Max war glücklicher, ausgeglichener, es gab Waldvormittage und einen Schulweg, den er zu Fuss gehen durfte. Schliesslich suchten wir das Gespräch mit der Heilpädagogischen Schule Zürich, die in unserem Quartierschulhaus je Stufe eine Klasse führt. Da Max nicht lautsprachlich kommuniziert und auch über sein iPad eher zurückhaltend ist, war klar, dass eine weiterführende schulische Integration nicht sinnvoll war. Gleichzeitig war uns wichtig, dass Max auch in seinem Schulalltag mit «normalen» Kindern in Berührung kommt. Klar, wir integrieren Max in seiner Freizeit, ganz automatisch, weil er einfach überall dabei ist. Integration ist für uns eine Lebenshaltung, und Schule ist nur ein Teil vom Leben. Trotzdem sind wir froh, dass Max nun schon im dritten Jahr die HPS in «unserem» Schulhaus besucht, hochmotiviert jeden Morgen losläuft und mit meiner Begleitung einen Schulweg hat wie alle anderen auch. Wir treffen Nachbarskinder, merken, ob es regnet oder schneit. Integration ist, wenn Max entscheidet, dass er den Schulweg heute mal rückwärts gehen will und plötzlich drei gleichaltrige Jungs neben mir auftauchen, die mich fragen «Warum geht Max rückwärts?» und im nächsten Moment gehen vier Jungs nebeneinander rückwärts ein Stück des Weges. Integration ist, wenn Kinder, die ich nicht kenne, Max grüssen oder wenn seine Brüder, die nach dem Kindergarten seit dem Sommer im gleichen Schulhaus die erste Klasse besuchen, Max am Sporttag zuwinken und andere erzählen, dass sie mit Max Weihnachtsguetzli gebacken haben. Integration ist, wenn Max beim Schlitteln unten von Kindern aus dem Quartier gebremst wird, damit er nicht im Baum landet. Integration ist, wenn Max auf dem Schulhausplatz Fangis spielt.


Zwischenzeitlich steht für mich fest, dass eine Integration in einer Regelklasse durchaus eine Möglichkeit ist. Viel wichtiger finde ich aber, dass sich Schulen Örtlichkeiten teilen, dass die «besonderen» Kinder nicht irgendwo abgeschottet für sich sind. Davon, dass sie in öffentlichen Schulhäusern ein- und ausgehen, profitiert auch unsere Gesellschaft. Schüler, die auch die Max‘ dieser Welt sehen, akzeptieren Menschen die anders sind, leichter.

Dieser Tage habe ich die Zwillinge zum Fussballtraining gebracht. In ein anderes Schulhaus, mit Kindern aus unterschiedlichen Schulen. Max hat lautstark kundgetan, dass er jetzt genug rumgestanden ist und gewartet hat. Es war ziemlich offensichtlich, welche Schüler vermutlich keine HPS-Klasse an ihrer Schule integriert haben.

 

Marianne Wüthrich